Nach der Krise ist vor der Krise

25. Jänner 2009, 15:36
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Der Ölpreis ist im Keller, das könnte sich nach der Krise rasch ändern

2008 gab es an der Ölpreisfront Stoff für zahlreiche Diskussionen. Kein Wunder: Anfang Juli knackte der Preis für OPEC-Öl erstmals die 140 Dollar-Grenze. Mitte Juli kam das Allzeithoch von 147 Dollar. Schon 2007 hatten der Boom in China und anderen Schwellenländern und politische Spannungen in den Förderländern für einen Preisanstieg von 57 Prozent gesorgt. 2008 sorgte der fallende Dollar für zusätzlichen Auftrieb. Anleger hatten ihr Geld in wertbeständigeres Öl umgeschichtet.

Tanken war teuer, die Aussicht auf Heizen mit Öl und Gas im bevorstehenden Winter ernüchternd, manch Transporteur trieb der rasante Preisanstieg in den Ruin. Dann ging es im Einklang mit anderen Rohstoffpreisen bergab. Die Krise ließ den Ölmarkt zusammenbrechen, wie die meisten anderen Märkte auch. Investoren zogen Anlagen aus Rohstoffen ab. Die OPEC wollte dem Preisverfall mehrmals mit einer Förderkürzung den Riegel vorschieben. Bereits im Herbst hatten die 13 Länder des Förderkartells die Produktion zwei Mal gedrosselt. Am 17. Dezember kündigte man den größten einzelnen Kürzungsschritt der OPEC-Geschichte an. Der Erfolg blieb aus. Der historische Einbruch kam im Dezember. OPEC-Öl kostete weniger als 35 Dollar. Der Preis für das schwarze Gold erreichte damit das tiefste Niveau seit vier Jahren (mittlerweile pendelt er bei rund 40 Dollar).

Loch im Budget

Die Begleiterscheinungen sind nicht mehr zu ignorieren. Ein Ölpreis auf dem niedrigen Level ist etwa ziemlich unerfreulich für jene Länder, die am Öl-Tropf hängen. Dies gilt nicht nur für die Opec-Staaten. Erstmals seit zehn Jahren droht nun Russland wegen sinkender Rohstofferlöse 2009 ein Haushaltsdefizit in Milliardenhöhe. Der russische Finanzminister Alexej Kudrin erwartet im kommenden Jahr ein Loch im Haushalt von möglicherweise bis zu 2,5 Billionen Rubel (63 Milliarden Euro). Das von seinen Rohstoffen abhängige Land hatte seinen Haushalt für 2009 auf Grundlage eines Ölpreises von 95 US-Dollar berechnet.

Die russische Gazprom trage in einem "normalen" Jahr wie etwa 2007 mit 25 Prozent zum russischen Budget bei, beschreibt Energieexperte Florian Haslauer von A.T. Kearney das Ausmaß der Katastrophe. "Das ist für Russland deshalb dramatisch, weil das Land höhere Produktionskosten hat, als die arabischen Ländern", sagt Haslauer. "Letztere produzieren um zehn bis 20 Dollar pro Barrel - das heißt, sie können auch mit einem Preis von 30 bis 40 Dollar noch leben." Richtig glücklich kann man aber auch in Dubai - derzeit eine einzige Großbaustelle - mit diesen Preisen nicht sein. Ein prestigeträchtiges Bau-Projekt - der bis dato höchste Turm der Welt - wurde jüngst verschoben. Das eine oder andere weitere Großprojekt wird vermutlich noch den spärlicher fließenden Petrodollars zum Opfer fallen.

Ölpreis als Drama

Der russische Staatshaushalt und die Dubaier Großprojekte sind aber nicht die einzigen Gründe, warum der Ölpreis dringend wieder steigen sollte: Wie sonst soll man den Automanagern beibringen, dass die Entwicklung von spritsparenden Motoren notwendig oder den Konsumenten, dass die Investition in ökologische Modelle sinnvoll ist? "Der hohe Ölpreis war ein Drama, der niedrige Ölpreis ist es auch", sagt der deutsche Automobilexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Der hohe Spritpreis hätte die SUVs (Sport Utility Vehicle) kaputt gemacht, der niedrige Spritpreis bedeute, dass jeder, der nur irgendwie über die Anschaffung eines Neuwagens nachdenke, abwarte. "Der Spritpreis ist für die Industrie zu niedrig, um überhaupt ein Auto zu verkaufen", so Dudenhöffer: "Jeder erwartet, dass er wieder steigt." Die Gedanken, die potenzielle Autokäufer derzeit demnach bewegen: Hybridauto oder spritsparendes Modell? Bei diesen Treibstoffpreisen nicht dringend notwendig. Wer an ein größeres Modell denkt, muss hingegen befürchten, dass bei einem Preisanstieg beim Treibstoff der Preisverfall beim Weiterverkauf erheblich ist. Alles in allem eine verzwickte Situation, die wohl noch einige Monate dauern werde, so Dudenhöffer.

Extremer Öpreisanstieg wirkt nach

Überraschend positiv gestimmt ist hingegen Christian Rakos vom Interessensverband proPellets. Die Befürchtung, die niedrigen Ölpreise könnten zu einem Einbruch der Nachfrage nach Pelletsheizungen führen, hätten sich nicht bewahrheitet so Rakos: "Tatsächlich verzeichnen unsere Heizkesselhersteller überdurchschnittlich hohe Anfragen." Den Konsumenten wäre wohl durch die extremen Ölpreisanstiege und die Gaskrise der Schreck in die Glieder gefahren. Die Folge laut Rakos: Man möchte sich lieber mit heimischen Brennstoffen versorgen. "Auch der Gedanke, dass das Geld besser in einer neuen Heizung investiert ist, als in unsicheren Veranlagungen, könnte eine Rolle spielen" glaubt er.

Einig sind sich Experten, dass der Ölpreis wieder steigt. "Vor 2015 sind wir bei 200 Dollar", sagt Energieexperte Michael Cerveney von der Österreichischen Gesellschaft für Umwelt und Technik. Der Preis werde in den nächsten Monaten vermutlich auf niedrigem Niveau bleiben ergänzt A.T. Kearney-Experte Florian Haslauer: "Sobald die Wirtschaft global wieder wächst, werden die Preise wieder steigen. Langfristig bleibt die steigende Preistendenz für Öl und Gas weiter aufrecht, weil die Ressourcen begrenzt sind."

Rasanter Ausblick

Nach der Krise könnte es mit dem Preisanstieg rasant weiter gehen, befürchtet Michael Cerveney, weil die Konzerne jetzt nicht Sorge tragen würden, ihre Förderung auszuweiten: "Wer soll jetzt investieren, wenn der Ölpreis bei 40 Dollar liegt?" Der Sektor Ölförderung werde derzeit drastisch herunter gefahren "und da ist die Frage, ob er so rasch wieder hochgefahren werden kann". Nach einer Studie des Baker Institute for Public Policy, die das deutsche "Handelsblatt" jüngst zitierte, lag bei den fünf größten nicht-staatlichen Ölkonzernen der Welt der Anteil der Aktienrückkäufe an den Gesamtkosten 1993 bei einem Prozent. 2007 waren es 34 Prozent. Gleichzeitig sind die Ausgaben für die Erforschung neuer Ölquellen von 14 auf sechs Prozent der Gesamtkosten gefallen.

In Russland müssten in den nächsten zehn Jahren mindestens 200 Milliarden Dollar in die Erschließung neuer Gasfelder investiert werden - ergänzt Florian Haslauer, um die geplante Ausweitung der Förderung zu gewährleisten. "Bei derzeitigen Ölpreisniveau und Anhalten der Finanzkrise ist das aber für die Gazprom nicht zu stemmen. Aber auch bei Konzernen wie Chevron erwartet ich, dass diese den Ausbau der Förderung etwas zurückstellen. Manche aufwändigen Methoden sind ja erst bei einem Ölpreis von 80 bis 90 Dollar sinnvoll." (Regina Bruckner)

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