"Ein Schritt in die Barbarei"

5. Februar 2009, 17:27
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Der Schriftsteller Ilija Trojanow im derStandard.at-Interview über Asyl, den Abbau von Grundrechten und konservative Propaganda

Menschenwanderungen und gesellschaftliche Weiterententwicklungen stehen immer in  Zusammenhang. Besonders im kulturellen Bereich ist sichtbar, wie fruchtbar ein solcher Austausch sein kann. "Ohne Migration würden Kulturen im eigenen Saft schmoren", betont der Autor Ilija Trojanow. Im Gespräch mit Christa Hager zeigt er, dass der Westen immer schon enorm vom Kontakt mit "dem Fremden" profitiert hat. Die Abschottungspolitik sei daher auch aus diesem Grund völlig kontraproduktiv. Außerdem untergrabe sie mehr und mehr die Grundwerte unserer Gesellschaft. 

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derStandard.at: Sie sind vor 36 Jahren mit Ihren Eltern aus Bulgarien nach Westeuropa geflüchtet. Welche Erinnerungen haben Sie daran und mit welchen Schwierigkeiten waren Sie und Ihre Eltern als Asylwerber konfrontiert?

Ilija Trojanow: Ich war damals noch sehr jung und habe davon nichts mitbekommen. Man bekam damals fast automatisch Asyl, wenn man aus politischen Gründen aus dem Osten floh. Wenn nicht in erster Instanz, dann spätestens in zweiter - sofern man belegen konnte, dass man nach einer  Rückkehr verfolgt würde. Das nicht schwer zu belegen, da es in den Ostblockländern gegen Republikflüchtlinge das Gesetz gab, dass man nach einer Rückkehr ins Gefängnis kommt.

derStandard.at: Seit 1989 ist nicht mehr viel von diesem "Automatismus" über ...

Trojanow: Es ist mir schleierhaft, wie es die Menschen heutzutage schaffen, Asyl zu bekommen. Man muss so viele Hürden überwinden. Ohne Übertreibung kann man sagen, dass das Asylrecht fast nicht mehr existiert.

Es geht nicht darum, wie viele Afrikaner man aufnimmt, sondern darum, wie wir uns überhaupt noch als Zivilisation definieren. Der fast vollständige Abbau des Asylrechts in Österreich ist für mich ein Schritt in die Barbarei - im wahrsten Sinne des Wortes. Der Unterschied zwischen Zivilisation und Barbarei ist, dass man bestimmte Grundwerte mitmenschlichen Verhaltens akzeptiert. Dass man zum Beispiel nicht hinnimmt, dass Menschen aus althergebrachten und bewährten Netzwerken entlassen werden.

Das Grundrecht auf Asyl ist etwas Urmenschliches und hat überhaupt nichts mit unserer Verfassung zu tun. Es liegt im Eigeninteresse eines jeden Menschen, dass solche Traditionen nicht abgebaut werden. Es kann jeden von uns mal treffen.

derStandard.at: ... und anstatt der alten Mauer wurde eine neue errichtet.

Trojanow: Die Berliner Mauer ein war zweifelsohne ein unglaubliches Symbol der Unmenschlichkeit. Aber es sind weniger Personen an der Berliner Mauer gestorben, als an der Mauer des Mittelmeers oder an der Mauer zwischen USA und Mexiko. Allerdings habe noch nie gehört, dass diese Mauern als unmenschlich bezeichnet werden. Es ist also immer die Frage, wie man die Menschlichkeit politisch situiert; wie Mauern politisch definiert werden.

derStandard.at: Heutzutage heißt es, die Abschottungspolitik sei im Interesse der Einheimischen.

Trojanow: Jegliche Politik, die nur darauf basiert, momentane Differenz zu instrumentalisieren, ist  eine falsche Politik. Sie ist nicht nachhaltig, nimmt nur einen momentanen Zustand auf und nützt ihn aus. Denn was heißt einheimisch überhaupt?

Historisch betrachtet sind Einheimische immer nur Momentaufnahmen. Schnappschüsse. Was heute anders ist, hat gestern als solches gar nicht existiert und wird morgen wieder überwunden sein.

derStandard.at: Doch Nationalstaaten basieren nun mal auch auf der Idee von essentiellen Identitäten.

Trojanow: Die einzige essentielle Identität, die wir haben, ist die DNA. Als Schriftsteller habe ich zwar nichts gegen Fiktionen (lacht) - außer, man wenn jemand bereit ist, sich für eine Fiktion den Kopf einzuschlagen.

Sicherlich: Ist eine Fiktion lange genug an der Macht, wird sie zur Tradition. In der Schweiz sorgte neulich ein Buch für Furore: Einer der führenden Historiker hat zum wiederholten Mal festgestellt, dass Wilhelm Tell nie existiert hat. Es gibt keine historischen Belege dafür. Was mich nicht verwundert, weil genau diese Geschichte bereits in alten indischen Texten vorkommt. Das Beispiel zeigt, dass die Propaganda der reaktionären und konservativen Kräfte so unglaublich lächerlich ist. Sie hat nichts mit der historischen Realität zu tun. 

Gerade im Bereich der Kunst oder der Wissenschaft kann man das gut sehen. Vieles, das als typisch eigen bezeichnet wird, sei es in der Musik oder Literatur, kommt von irgendwo anders her.

derStandard.at: Legt man den Fokus auf Kunst, läuft man nicht Gefahr, einem gewissen Elitismus zu verfallen? Nach dem Motto: Die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen?

Trojanow: Nein. Es geht darum, ganz klar festzustellen, dass Fremde nicht in irgendeiner Weise bedrohlich, schädlich oder gar „parasitär" sind, wie von vielen Politikern oft behauptet wird. Im Gegenteil: sie bereichern. Es ist nicht möglich, kulturelle Entwicklung zu haben, wenn man im eigenen Saft schmort. Kulturelle Entwicklung braucht immer die Provokation, den Stupser, den Anreiz von der Fremde.

Das war und ist zu allen Zeiten so - ganz unabhängig davon, ob die Leute extrem gebildet sind oder nicht. Zum einen, weil die Fremde den Horizont erweitert. Zum anderen dient die Fremde als eine Art Spiegel, der die eigenen Binsenweisheiten, Wahrheiten und Grundüberlegungen reflektiert und in Frage stellt.

Auf der sozialen Ebene wiederum bedeutet das, dass es nicht im Eigeninteresse ist, eine Festung Europa aufzubauen. Das ist ganz wichtig, um der herrschenden Propaganda von vornherein zu widersprechen.

derStandard.at: Wenn Festung Europa nicht im Interesse der Europäer ist: Welche anderen Modelle gibt es?

Trojanow: Diese anderen Modelle hängen davon ab, wie diese Themen diskutiert werden. Indem man Probleme auf eine Eindimensionalität reduziert, kann man sie per se nur gewalttätig, nur primitiv, lösen.

Ein erster Schritt wäre zu sagen, nicht die Flüchtlinge sind das Problem, sondern die verschiedenen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ungleichgewichte, die das Phänomen der Globalisierung definieren. Allen voran die globale Über- und Unterentwicklung und die ungerechten Handelsverhältnisse. Egal, ob man dieses Ungleichgewicht nun befürwortet oder nicht: Europa könnte an einem gerechteren Weltsystem mitarbeiten - und in Folge auch davon profitieren.

derStandard.at: Gegenwärtig gehen die Diskussionen in eine ganz andere Richtung - Europa müsse sich abschotten, hört man immer wieder.

Trojanow: Es wird der Bevölkerung vorgegaukelt, dass ganz bestimmte Entwicklungen notwendig sind. Allen voran, um sie zu schützen. Dabei sieht die Bevölkerung meistens nicht, dass das überhaupt nichts mir ihrem eigenen Schutz zu tun hat. Im Gegenteil: es werden bestimmte Interessen bestimmter Eliten bedient und ihr Schutz ist eigentlich nur marginal betroffen.

Im Bereich der Inneren Sicherheit sieht man das deutlich. In Deutschland weiß man, dass die Rasterfahndung ein kolossaler Misserfolg ist. In einem Jahr wurden Millionen von Datensätzen überprüft, aber es gab nur ein einziges Verfahren - und das wurde eingestellt. Wir reden also von einem System, das die Grundrechte extrem einschränkt und gleichzeitig ineffizient ist. Ähnlich ist es auch bei dem Konzept von Festung Europa.

derStandard.at: Einschränkung der Grundrechte: Sehen Sie die Demokratie in Gefahr?

Trojanow: Das Merkwürdige im Moment ist die Demokratierhetorik, die mit der Realität zunehmend nichts mehr zu tun hat. Gerade unsere beiden Generationen sind mit einem Selbstbewusstsein aufgewachsen, dass demokratische Werte tief verwurzelt seien. Aber seit Jahren erleben wir, dass sie doch nicht so tief verankert sind: die Bevölkerung nimmt mit einer unglaublichen Nonchalance hin, dass ganz langsam alle möglichen Grundwerte zuerst ein bisschen abbröckeln, dann ein bisschen abgeschnitten werden und irgendwann ganz verschwinden. Selbst wenn sie theoretisch noch in der Verfassung stehen.

Daran merkt man, dass es eine demokratische Verwurzelung nicht gibt. Das demokratische Gemeinwesen muss jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr neu erkämpft werden. Und in dem Moment, in dem sich eine Bevölkerung so desinteressiert und apathisch zurücklehnt, das ist genau der Moment, wo die Demokratie wieder zugrunde geht.

derStandard.at: Sie haben lange in Indien und Südafrika gelebt. Wie wird dort mit dem Thema Migration umgegangen?

Trojanow: Der Westen tut so, als sei er am meisten von Zuwanderung betroffen. Mitnichten! In anderen Ländern leben Millionen "Illegale". In Bombay gibt es rund eine Million MigrantInnen aus Bangladesch. Schon seit zwanzig Jahren wettern die Hindu-Faschisten gegen sie. Aber in der Realität hat sich nichts getan: die Bangladeschis werden nicht verfolgt. Sie überleben irgendwie in den Slums, wie alle anderen auch, die dort wohnen. Und während der Pogrome in Südafrika vor einem Jahr haben sich viele Gemeinschaften gegen die Ausländerhetzte und Schlägertrupps gewehrt.

Bei uns herrscht immer noch dieses tief sitzende Misstrauen, dass solche Länder weniger kultiviert, weniger zivilisiert und viel brutaler seien. Das hat überhaupt nichts mit der Realität zu tun. Obwohl es dort viel weniger zu verteilen gibt, trotz der unglaublich widrigen Umstände, sind die Leute vergleichsweise gelassen. Und uns im Westen würde es überhaupt nicht wehtun, ein paar hunderttausend Kongolesen aufzunehmen. Das wäre ein Klacks. Aber hier flippen die Leute ja schon aus, wenn fünf oder zehn ante Portas stehen. (Christa Hager / derStandard.at, 5.2.2009)

 

  • Der Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Ilija Trojanow,
1965 in  Bulgarien geboren, floh mit seiner Familie nach
Deutschland, ging in Kenia zur Schule, studierte in München und lebt,
nach Jahren in Bombay und Kapstadt, derzeit in Wien. 
 
Der Durchbruch gelang dem Autor mit dem Roman „Der Weltensammler", für den er auch den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. 2008 erschien "Der entfesselte Globus. Reportagen". Zu seinen weiteren Werken zählen u.a.: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall", "An den inneren Ufern des Ganges", oder auch "Nomade auf vier Kontinenten".
 
    foto: thomas dorn

    Der Schriftsteller, Übersetzer und Verleger Ilija Trojanow, 1965 in  Bulgarien geboren, floh mit seiner Familie nach Deutschland, ging in Kenia zur Schule, studierte in München und lebt, nach Jahren in Bombay und Kapstadt, derzeit in Wien.

     

    Der Durchbruch gelang dem Autor mit dem Roman „Der Weltensammler", für den er auch den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt. 2008 erschien "Der entfesselte Globus. Reportagen". Zu seinen weiteren Werken zählen u.a.: "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall", "An den inneren Ufern des Ganges", oder auch "Nomade auf vier Kontinenten".

     

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    Für Trojanow ist die Gabel ein gutes Beispiel dafür, dass das, "was gestern noch fremdartig ist, heute etwas 'eigenes' ist.

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    Die Gabel: Das Werkzeug wurde im 11. Jahrhundert von einer byzantinischen Prinzessin nach Venedig gebracht und von der Kirche als sündhafte Verweichlichung bezeichnet. Erst 200 Jahre darauf begann sich die Gabel unter den Adeligen allmählich als Teil des Essbestecks durchzusetzen.

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