Flexibel, weil edel und roh

23. Jänner 2009, 20:31
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Der Bezug eines Edelrohbaus spart Kosten und bietet dem Mieter oder Eigentümer viele Freiheiten in der Gestaltung

Nicht jede Wohnung muss schlüsselfertig übergeben werden. Der Bezug eines Edelrohbaus spart Kosten und bietet dem Mieter oder Eigentümer viele Freiheiten in der Gestaltung. Handanlegen ist angesagt

Eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit 187 Quadratmetern Wohnnutzfläche? Noch dazu im sozialen Wohnbau? Da staunt nicht nur der Laie, sondern auch der Fachmann. Allein, das Projekt gibt es wirklich. Es steht im französischen Mulhouse, ist eine Reihenhaussiedlung mit dem Namen Cité Manifeste und stammt von Lacaton & Vassal. "Viel Raum für wenig Geld", lautete das Motto der beiden Pariser Architekten Anne Lacaton und Jean Philippe Vassal. Es ist wörtlich gemeint: Unter Einhaltung des Kostenrahmens ist es gelungen, fast doppelt so viel Raum zu verbauen, wie im geförderten Wohnbau sonst üblich beziehungsweise möglich ist.

Die Cité Manifeste ist allerdings nur eines von mehreren Projekten der letzten Jahre, die das Prinzip der "Maximalwohnung für alle" erfolgreich umgesetzt haben. Einen Überblick über unterschiedliche Lebensformen gibt derzeit die Ausstellung "Wohnmodelle – Experiment und Alltag" im Wiener Künstlerhaus (zu sehen bis 22. Februar). Eines wird im Vergleich der Projekte vor allem deutlich: Der Clou, der hinter den großzügigen Wohnbauten in Frankreich, in der Schweiz oder in Chile steckt, ist die Tatsache, dass sie allesamt als Edelrohbauten errichtet wurden.

Eigeninvestitionen bleiben abgabenfrei

Beim Edelrohbau werden die Gebäude außen fertiggestellt, während im Inneren jedoch die Decken und Wände in rohem Sichtbeton bleiben. Der Boden wird als Estrich ausgeführt, Fenster und wichtige Installationen wie Heizung und Sanitäranlagen sind zumeist schon vorhanden, manchmal werden sie auch nur bis zur Eingangstüre verlegt. Alle weiteren Ausbaustufen wie etwa die Abtrennung von Zimmern durch Leichtbauwände oder die Belegung von Oberflächen mit diversen Materialien bleiben den Bewohnern überlassen.

Derart abgespeckte Wohnungen sind natürlich weit günstiger als voll ausgebaute Domizile in ähnlicher Größe. Um im Edelrohbau daher angemessen wohnen zu können, sollten zusätzlich zum Kaufpreis 300 bis 500 Euro pro Quadratmeter an Eigeninvestition kalkuliert werden, rechnet Christian Alfons von P.B.E. Immobilien vor. Selbst bei Beabsichtigung eines umfangreichen Ausbaus zahle sich der Kauf eines Edelrohbaus aus, so Alfons: "Gegenüber dem üblichen Marktpreis lassen sich zehn bis zwanzig Prozent der Gesamtkosten einsparen." Ein weiterer Vorteil: Nebenkosten wie Grunderwerbssteuer, Eintragung ins Grundbuch sowie Vertragserrichtungs- oder Maklergebühren werden auf den meist sehr günstigen Kaufpreis für den Edelrohbau bemessen. Alle Eigeninvestitionen bleiben abgabenfrei.

Selbstausbau kostet Energie

Wer sich für eine Wohnung im Edelrohbau interessiert, sollte allerdings Lust und Energie mitbringen – auch wenn der Ausbau freilich von professionelle Firmen erledigt wird. "Edelrohbauten sind vor allem etwas für Individualisten, die bestimmte Wohnideen haben, die ihnen der Markt nicht bietet", erklärt Alfons. Das Angebot an derartigen Eigentumswohnungen sei dennoch beschränkt.

Martin Lesjak vom Architekturbüro Innocad hingegen ortet auch bei Wohnungsmietern eine Zielgruppe für Edelrohbauten: "Das Prinzip Edelrohbau bietet im Mietwohnbau große Potenziale, weil Grundrisse jederzeit flexibel geändert werden können." Gilt es doch gerade im Mietwohnbau, auf die vielfältigen Formen heutigen Zusammenlebens – seien es Wohngemeinschaften, Patchworkfamilien oder betreutes Wohnen – mit individuellen Angeboten zu reagieren. "Bei intelligent geplanten Grundrissen können frei werdende Flächen anderen Wohnungen unproblematisch zugeschlagen werden."

Um bei der Ablöse durch Nachmieter etwaigen Problemen vorzubeugen, sollte der individuelle Ausbau an gewisse Spielregeln geknüpft sein. Lesjak empfiehlt, den Einbau von Zwischenwänden lediglich an strategischen Stellen vorzunehmen und die Wahl von Oberflächenmaterialien auf einige wenige zu beschränken. Bonuspunkt für den Eigentümer: "Der Ausbau in Eigenregie stärkt die Bindung an den Ort – und damit natürlich auch den sorgsamen Umgang mit dem Mietobjekt." (Fabian Wallmüller, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.1.2009)

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    Ein Edelrohbau ist zwar nicht bezugsfertig, dafür kann man das Domizil nach eigenen Vorstellungen komplettieren. Hier: Lofthaus Dreihausgasse.

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