Sehnsucht nach Harmonie

24. Jänner 2009, 10:25
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In Melbourne streiten bosnische Fans mit serbischen, kroatische mit serbischen, zyprische mit griechischen. Der neutrale Schweizer Roger Federer hält sich da raus. Er schlägt nur den Russen Marat Safin

Melbourne - Die Australian Open wurden am Freitag von Ausschreitungen überschattet, bei denen eine Frau leicht verletzt wurde. Wohlgemerkt: Es handelt sich bei dieser Veranstaltung natürlich nicht um ein eineinhalbstündiges Fußballmatch, sondern um ein zweiwöchiges Tennisturnier.

Nach der Partie zwischen dem serbischen Titelverteidiger Novak Djokovic und dem bosnischstämmigen US-Amerikaner Amer Delic (6:2, 4:6, 6:3, 7:6) prügelten sich im Garten vor der Rod-Laver-Arena Anhänger beider Spieler. Sie bewarfen sich mit Plastikstühlen, Wasserflaschen und anderen Fluggeräten. 30 Männer wurden sofort der Anlage verwiesen, einer wurde auf der Stelle zu einer Geldstrafe verurteilt. Gegen zwei weitere soll Anklage erhoben werden.

Keine Kontrolle

"Es war eine kleine Gruppe, die sich einen Stuhlwurfwettbewerb geliefert hat", erklärte Polizeiinspektor Chris Duthrie. Während des Spiels war es im Stadion mit Ausnahme von einigen nationalistischen Sprechchören ruhig geblieben. Delic und Djokovic hatten sich nach dem Match herzlich umarmt. Sie sind befreundet. Delic hatte auf seiner Website vor der Partie die bosnischstämmigen Fans zur Ruhe und Gewaltlosigkeit aufgefordert. "Ich bin wirklich traurig, dass es wieder passiert ist", sagte der 26-Jährige, "für so etwas ist hier absolut kein Platz. Dies ist nur ein Tennisspiel."

Djokovic stimmte ihm zu. "Leider haben wir auf so etwas keinen Einfluss, können das nicht kontrollieren. Man muss die Fans bis zu einem gewissen Grad verstehen. Sie haben nicht oft die Chance, Athleten aus ihrem Heimatland zu unterstützen."

Das erste von vier Grand-Slam-Turnieren hat seit einigen Jahren Probleme mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Fan-Gruppen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. Im Vorjahr wurde gegen griechische, serbische und zyprische Randalierer Pfefferspray eingesetzt. Die Unruhen waren auf den Rängen beim Spiel zwischen dem Chilenen Fernando Gonzalez und dem Griechen Konstantinos Economides ausgebrochen. Dabei wurde ein Polizist, der zwei prügelnde Zuschauer trennen wollte, von jugendlichen Fans umringt, bis er schließlich Pfefferspray einsetzte. Die Partie musste unterbrochen werden.

2007 wurde das Turnier von einer Schlägerei zwischen Serben und Kroaten überschattet, bei der es Verletzte gab. Etwa 150 Zuschauer waren der Anlage verwiesen worden. Turnierdirektor Craig Tiley hatte in Zusammenarbeit mit der Polizei eine Null-Toleranz-Politik beschlossen.

Natürlich gibt es im Jahre 2009 auch durchaus harmonische Beziehungen. Roger Federer, der neutrale Schweizer, hat mit dem Russen Marat Safin nicht gestritten, sondern gegen ihn 6:3, 6:2, 7:6 gewonnen. Der charismatische Safin gratulierte seinem überlegenen Gegenüber artig. "Da war nichts zu machen." Safin ist auch nahezu charmant geblieben, als ein wohl australischer Linienrichter im Tiebreak auf Fußfehler entschieden hat. Beim zweiten Aufschlag. (sid, hac, DER STANDARD Printausgabe 24.01.2009)

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