Gib dem Kaiser, was des Bodens ist

23. Jänner 2009, 19:36
2 Postings

"Krise" ? Goethes "Faust II" wusste bereits 1831 ökonomisch Tröstliches zu erzählen

Wien/Weimar - Als sich der alte Goethe Anfang der 1830er-Jahre daranmachte, einige gut abgelegene Theaterszenen und Akte aus den Tiefen seines im Provinzherzogtum Sachsen-Weimar stehenden Schreibtisches hervorzuholen, um aus ihnen schließlich Faust, der Tragödie zweiter Teil zu verfertigen - da befand sich die Welt, wie er sie gekannt hatte, im völligen Umbruch.

Die ersten Eisenbahnen wurden mit thermodynamischer Energie betrieben. Zwar wurden die europäischen Bürger politisch niedergehalten; aber die Industrialisierung setzte mit ganzer Macht ein, und in ihrem Gefolge die Umstellung der Nationalökonomien auf abstrakte Geld- und Tauschwerte.
Wenn nun der Theatertextbegriff Faust als ewiges Schreckenswort für alle Gymnasiasten fällt, so muss den Verstockten aufmunternd entgegengehalten werden: Den 1808 veröffentlichten Faust I mag nun jeder dem Zitat nach kennen ("Habe nun ach ..." ). Der Tragödie zweiter Teil wird ob ihrer verwirrenden Themenfülle so gut wie nie aufgeführt. Letztere enthält aber eine Tiefe der wirtschaftlichen Betrachtungskunst, die jeden historisch aufgeschlossen Börsenbroker vollends entzücken müsste.

Allegorie des Geldes

Faust I endet mit dem letalen und äußerst betrüblichen Ende der Gretchen-Tragödie. Der Mädchenschänder wird durch die Künste seines Spießgesellen Mephisto nicht nur der Stätte seiner Untaten entrückt. Er findet sich in der Pfalz des Kaisers wieder (Erster Akt), wo Goethe, der geniale Spekulationshofrat, gleichsam im allegorischen Vorübergehen eine Theorie der Papiergeldentstehung mit leichter, gleichsam tändelnder Hand entwirft.
Der Kaiser steckt nämlich in der Budgetklemme: kein Geld, nirgends. Hellsichtig begreift Goethe den Urgrund aller etatistischen Krisen, und er lautet: chronische Unterdeckung.

Mephisto, zum kaiserlichen "Narren" bestellt, durchhaut den Gordischen Knoten mit einer genialen Idee: Man solle doch tüchtig Papiergeld in Umlauf setzen! Wo es an Gold mangelt, um die wertlosen Papierfetzen zu besichern, da soll eine Bodenreform Abhilfe schaffen: Dem Kaiser werden willkürlich Ländereien zugesprochen, deren rein spekulativ angenommene Erzvorkommen für die gehörige Deckung sorgen.

"Ungehobene Schätze" sind es also, die den aktuellen Mangel beheben helfen. Kein anderer Denker vor Marx hat den Voodoo-Kult um Werte, die noch gar nicht existieren und trotzdem schon in Anspruch genommen werden, poetisch genauer in den Blick gefasst. Faust II ist das Stück zur Krise. Die Bühnen spielen aber meistens lieber den biederen Gretchen-Faust.  (Ronald Pohl, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.1.2009)

Share if you care.