Skilauf aus der Tiefe des Volkes: Wir sind Kitzbühel?

23. Jänner 2009, 19:08
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Skifahren hatte im Land der Berge schon von jeher etwas Staatstragendes: Anmerkungen zur Relevanz unserer Pistenhelden für das nationale Selbstwertgefühl - und was daraus geworden ist.

Verlässlich wie die Winterdepression bricht Jahr für Jahr Kitzbühel über uns herein. Hahnenkamm, Ganslernhang, Hinterseer; Lauda Niki, Seegers Norwegerpullover, der Knaus Hans, der "Sympathische", alle dringen sie in unsere Wohnungen ein. Wer sich da nicht wappnet, erfängt sich lange nicht. Dabei ist es gar nicht mehr so extrem wie in den 70er-Jahren, als wir uns am Samstag in der fünften Unterrichtsstunde statt Religion gemeinsam vor dem schuleigenen Fernseher versammeln durften, zum skiläuferischen Hochamt, das man für uns auf der Streif zelebrierte. Vorbei sind auch die Tage, als bei Übertragungen von "entscheidenden" Abfahrtsläufen (der Männer) die Straßen von österreichischen Dörfern und Städten völlig leergefegt waren, weil alle vor den Bildschirmen saßen. Gültig bleibt: In diesen Momenten wurde mehr zur Erzeugung nationaler österreichischer Identität getan, als in den Neujahrsansprachen aller österreichischen Bundespräsidenten der Ersten und Zweiten Republik zusammen.

Wedelnd zur Selbstfindung

Ob es einem gefällt oder nicht, dieses Land ist mehr als alle anderen auf Skifahren gebaut. Skifahren war im Land der Berge, sieht man allenfalls vom Schweinsbratenessen und Spritzweintrinken, ab, die wichtigste, die identitätsstiftende bewegungskulturelle Basistechnik. Sie hatte von Anfang an etwas Staatstragendes. Zuerst in der k. u. k Armee. Dort lehrten Matthias Zdarsky und der Oberst Georg Bilgeri die Rekruten, wie man schnell und mit Marschgepäck um die Ecke kommt, damit einem im Hochgebirgskrieg der Italiener nicht erwischt. Kaum war der Spuk vorbei, durften die Soldaten ihre Bretter mit nach Hause nehmen und damit in ihren Dörfern die Grundlagen für die Wintertourismusmaschine, für den österreichischen Wohlstand also, legen. Der Krieg ging, der Massenskilauf kam und entwickelte sich zum einzigen Feld, in dem der übriggebliebene Rest - Autriche - weiterhin so etwas wie Weltgeltung für sich beanspruchen konnte.

"Wer nicht Ski laufen kann, soll als körperlicher Analphabet gelten. Unser Ehrgeiz muss es sein, ein Volk von Skiläufern zu werden, in noch höherem Maße, als es die Nordvölker schon sind", formulierte unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einer der einflussreichsten Sportpädagogen Österreichs, Wolfgang Burger. Burger, der es geschafft hatte, in allen politischen Regimen seit dem "Austrofaschismus" geschickt durchzukommen, war selbstverständlich auch wieder zur Stelle, wenn es darum ging, mit patriotisch pädagogischen Anfeuerungen den Skisport in den Dienst des Wiederaufbaus zu stellen.

Und das ging auf. Die Österreicher und Österreicherinnen verkörpern dank eines ausgeklügelten flächendeckenden Systems von Aufstiegshilfen, Skikursen und Hotelbetten diese Kulturtechnik geradezu.

Skilauf wurde somit Bestandteil eines nationalen Habitus. Der Skilehrer fungiert dabei als der zentrale Modernisierungsagent. Dem ersten Skilehrer des Landes, dem Leiter des mythenumwehten Skiheimes St. Christoph am Arlberg, Stefan Kruckenhauser, gelingt 1956 mit der Erfindung des "Wedelns" ein bewegungskultureller Geniestreich, mit dem die Österreicher und Österreicherinnen, so kurz nach dem Erhalt des Staatsvertrags so richtig zu sich selbst finden können.

Das schwerelose, lustvolle Schwingen, bei dem es nicht auf Sieg und Niederlage ankommt, ist das skididaktische Äquivalent zum permanent beschworenen Walzertaumel und somit genuiner Ausdruck des Österreichischen. Johann Skocek und Wolfgang Weisgram haben ein ganzes Buch mit dem programmatischen Titel "Scheiberln, Wedeln, Glücklich sein" darüber geschrieben.

Mit dem Wedeln hatte Österreich das sportpädagogische Missing Link zwischen Wehr- und Funsport gefunden. Skilauf ist jedoch nicht nur eine Haltung, eine Bewegungsform. Es ist weitaus mehr. Angereichert mit mächtigen Klischeebildern von heiler Bergwelt, Hüttenzauber, intakter Natur, Pulverschnee etc. wird es zu einem alpintouristischen Sehnsuchtsformat, das sich wunderbar verkaufen lässt. Sehnsuchtsbilder, Symbole und Geschichten zu liefern ist auch die Aufgabe der Spitzensportler. In den dramatischen Geschichten unserer Skihelden verdichten sich jeweils die gesamtgesellschaftlichen Grundströmungen des Landes.

So lieferte etwa der Kitzbühler Spenglergeselle Toni Sailer mit dem Gewinn von drei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in Cortina d'Ampezzo im ersten Winter nach dem Staatsvertrag, dem noch jungen unabhängigen Österreich mehr als nur einen sportlichen Sieg. Seine Erfolge werden zum symbolischen Kapital der gesamten fragilen österreichischen Nation. Oder der seltsame Held Karl Schranz, der durch seinen Ausschluss von den Olympischen Spielen in Sapporro 1972, und nicht durch seine Erfolge die größte Massenmobilisierung der österreichischen Sportgeschichte auslöste. Und man fragt sich, wo diese kollektive Betroffenheit damals herkam?

Ende der Geschichte?

Der Schlüssel liegt im Opfer-sein. Das Opfer Schranz erlaubte es "uns Österreichern", im vermeintlich unpolitischen Feld des Sports, zum letzten Mal kollektiv selbst zum Opfer zu werden. Danach kam die Waldheimdebatte, die 1986 diese "unschuldige" Variante der kollektiven Vergesellschaftung endgültig verunmöglichte.

Und heute? - Weit und breit keine nationale Ikone zu identifizieren. Die letzte, Hermann Maier, ist die ermüdete Variante eines Exherminators und wird auch dieses Kitzbühlwochenende mehr mit seinem Kreuz als mit dem Sieg zu tun haben. Ist die große Erzählung Skilauf am Ende angelangt? Hat Kitzbühel noch irgendein kollektives Identitätsangebot, das mehr ist als ein spätmodernes Marketingspektakel, ein Anlass für partypatriotische Wallungen? Die Abfahrt startet auf jeden Fall verlässlich am Samstag um 11.30 Uhr, der Slalom am Sonntag um 10.00 Uhr. (Rudolf Müllner*, DER STANDARD Printausgabe 24.01.2009)

* Zur Person:

Rudolf Müllner ist Sporthistoriker an der Universität Wien.

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    dem legendären Auftritt von IOC-"Opfer" Karl Schranz auf dem Balkon des Bundeskanzleramtes 1972 und ...

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    dem TV-gerechten Jubel von Ex-Kanzler Gusenbauer im Zielraum des Hahnenkammrennens 2008. - Und wo ist das Gemeinsame?

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