Dokumente sozialer Metamorphosen

23. Jänner 2009, 18:57
posten

Elliott Erwitts "New York" - Das Portrait einer Stadt, in einer Zeit als "Change" noch für Wechselgeld stand

Zu einer Zeit, als "Change" im alltäglichen amerikanischen Sprachgebrauch noch als Synonym für Wechselgeld galt und nicht als Terminus für politische Erneuerung in unserem kollektiven Bewusstsein konnotiert war, entstanden die Aufnahmen zu Elliott Erwitts Fotoband "New York".

Entsprechend seiner Philosophie dokumentiert der 1928 in Paris geborene, 1939 in die USA emigrierte Fotograf Elliott Erwitt Menschen und Orte.

Als Chronist des Alltags ist ihm die ideale Momentaufnahme, jenseits von ästhetischer Inszenierung, wichtig. Alltagsszenen in U-Bahnen, Wartehallen, auf der offenen Straße, in Büros oder Geschäften werden von klassischen "average people" bevölkert. Die großteils aus den 50er- und 60er-Jahren stammenden Fotos illustrieren vor allem die Risse, die abbröckelnde Fassade, den Verfall der künstlichen Imagination des "American Dream".

Mancher Blickwinkel erinnert an Cartier-Bresson, mit dem Erwitt auch längere Zeit für das Magazin "Magnum" zusammengearbeitet hat, erinnert in ihrer Anmutung eher an eine "europäisch" sozial motivierte Darstellung. Kontemplative Gelassenheit, durchaus gepaart mit Selbstzufriedenheit strahlen viele seiner Fotos aus. Andere geben Aufbruch, Zorn und Unzufriedenheit wieder. Ein Vexierbild einer heilen Welt, die aber sukzessiv ins Wanken gerät. Architektonische und demografische Veränderungen des Schmelztiegels New York korrelieren mit den sozialen Metamorphosen, Gleichheit und Gerechtigkeit fordernd.

Die radikalen Veränderungen in der Gesellschaft, aufgrund großer sozialer Unterschiede repräsentieren am besten die Sequenzen der tagtäglich wiederkehrenden Wiederholung und deren Widersprüche: Birth. School. Work. Death. Die inhaltliche wie auch fotografisch-stilistische Fokussierung auf den perfekten Augenblick, auf das im Leben Wesentliche, manifestiert sich in den klaren, kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen,die wiederum eine Liebes-erklärung an New York, jenseits der Hochglanzfassade, darstellen. (Gregor Auenhammer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.01.2009)

Elliott Erwitt, "New York" . € 49,90 / 144 S. Verlag teNeues, Kempen/München 2008

  • Artikelbild
    foto: der standard
Share if you care.