Deutscher Eisbrecher auf Abwegen

23. Jänner 2009, 18:27
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Um die jüngste Mission der "Polarstern" ist eine Kontroverse entbrannt: In einem Großexperiment soll das Südpolarmeer mit Eisensulfat gedüngt werden

Bremerhaven - Die Besatzung der "Polarstern" erlebt eine Odyssee. Bereits kurz nachdem das deutsche Forschungsschiff am 7. Jänner von Südafrika aus in Richtung Südpolarmeer aufgebrochen war, geriet es in einen Sturm, der Meeresforschern und Seeleuten an Bord zu schaffen machte.

Doch mittlerweile bedrückt die 53 Forscher auf dem deutschen Eisbrecher, der im Dienste des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven steht, nicht allein das schlechte Wetter. Ihnen wurde einstweilen verboten, ihren wichtigsten Auftrag zu erfüllen. Eigentlich wollten die Wissenschafter aus sieben Ländern am Mittwoch damit beginnen, den Ozean auf 300 Quadratkilometern mit insgesamt sechs Tonnen Eisensulfat zu düngen.

Weniger CO2 dank Algen?

Das rund vier Millionen Euro teure Experiment sollte zeigen, wie viel Treibhausgas eine auf diese Weise erzeugte Algenblüte binden kann. Doch nach einem Streit deutscher Ministerien wurde das Experiment Anfang vergangener Woche ausgesetzt. Erst am Montag will die deutsche Bundesregierung entscheiden, ob die Forscher mit der Arbeit beginnen können. Sie hat Gutachter beauftragt, die Umweltfolgen des Düngeexperimentes zu bewerten. Nach Informationen des Standard wird es voraussichtlich einen positiven Bescheid geben.

Deutschland ist zwar für die Verzögerung des Projektes verantwortlich, betreibt es jedoch nicht allein. Das Großexperiment war im Beisein von Indiens Premierminister Manmohan Singh und Bundeskanzlerin Angela Merkel im Oktober 2007 als indisch-deutsches Kooperationsprojekt unterzeichnet worden. An Bord der "Polarstern" sind 32 indische und elf deutsche Forscher sowie Wissenschafter anderer Nationen.

Die erzwungene Verzögerung des Experiments wird die Internationale Maritime Organisation IMO beschäftigen, die sich im Februar des Falls annehmen will. Die IMO ist eine Agentur der Vereinten Nationen, die für die Sicherheit und Sauberkeit der Ozeane verantwortlich ist. Vergangenen Oktober hatte die IMO mit der sogenannten Londoner Konvention die Eisendüngung der Meere verboten - allerdings mit einer Ausnahme: zu Forschungszwecken sollte sie erlaubt sein.

Dennoch fordert das deutsche Umweltministerium unter Sigmar Gabriel (SPD) den Stopp des "Polarstern"-Projekts: Deutschlands Glaubwürdigkeit leide durch das geplante Experiment, so die Begründung. Gabriel verweist auf einen Beschluss der UN vom vergangenen Jahr in Bonn. Auf der Tagung über biologische Vielfalt (CBD) hatte sich die UN im Mai 2008 unter Vorsitz Deutschlands ebenfalls gegen Eisendüngung der Meere ausgesprochen. Das "Polarstern"-Projekt stehe im Gegensatz zu den unter deutschem Vorsitz gefassten UN-Beschlüssen.

Auf der CBD einigten sich 191 Staaten darauf, "kleinflächige Eisendüngung im Rahmen von Wissenschaftsprojekten" zuzulassen, um Wissenslücken zu schließen. Doch die IMO solle nun prüfen, wie ",kleinflächig verbindlich definiert werden muss'", fordert das Umweltministerium. Die Londoner Konvention fordere "ausdrücklich" Forschung zur Eisendüngung, erklärt hingegen das Forschungsministerium BMBF von Annette Schavan von der CDU.

Druck der Umweltschützer

Das BMBF hatte sich zunächst Gabriels Protest gebeugt. Das Düngungsexperiment wurde so lange ausgesetzt, bis eine Stellungnahme zur Unbedenklichkeit der Untersuchungen vorliegt. Gleichwohl sei es "verwunderlich, dass die Proteste gegen das Experiment erst so spät kamen" - nachdem die "Polarstern" abgelegt hatte, erklärt das BMBF. Die späte Reaktion sei auf Druck von Umweltverbänden zustande gekommen.

Nun erarbeiten drei renommierte Meeresforschungsinstitute bis Samstag eine Stellungnahme zur ökologischen Risikobewertung des Projektes - um "zusätzliche Transparenz zu schaffen", wie das BMBF erklärt: das Ifremer in Frankreich, der British Antarctic Survey und das IFM Geomar in Kiel. Die Ermittlungen stützen sich vor allem auf fünf ähnliche Experimente, die bislang im Südpolarmeer stattfanden.

Zudem vergleichen die Gutachter das Experiment mit natürlichen Prozessen: Schmelzende Eisberge etwa hinterlassen ähnliche Eisenmengen. Und nahe der Küste enthält Meerwasser pro Liter mehr als zehnmal so viel Eisen. Das Eisen lässt Algen aufblühen, die Grundnahrung für Krill, dessen Bestand sich in den vergangenen Jahren drastisch verringert hat.

Doch Eisendüngung muss keine ökologische Wohltat sein. Zwar entziehen Algen dem Wasser und somit der Luft Treibhausgas. Doch muss untersucht werden, was mit den Algen passiert und welche Substanzen sie freisetzen.

Manche Forscher denken, mit großflächiger Eisendüngung lasse sich ein Fünftel des jährlichen menschengemachten Treibhausgasausstoßes entsorgen. Doch selbst der wissenschaftliche Leiter der "Polarstern", AWI-Forscher Victor Smetacek, ist skeptisch: "Bisher konnte nicht überzeugend bewiesen werden, dass Kohlenstoffverbindungen - also auch Treibhausgase - für längere Zeit entsorgt wurden." (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Printausgabe, 24./25. 1. 2009)

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    Mit sechs Tonnen Dünger will die "Polarstern" das Meer zum Blühen bringen. Denn mehr Algen können womöglich mehr CO2 binden.

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    Das Experiment ist zumindest bis Montag auf Eis gelegt.

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