Eine große schamanische Kraft - Ann Cotten

23. Jänner 2009, 17:52
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So fett und weiß ist Amerika geworden, dass jeder Fremdkörper auf der Stelle in massenhafter weißer, geschmackloser Masse einsinkt und nie wieder gesehen wird

In einem Maskentanz stampfen sie in kreisförmigen Bögen durch den Versuch, hinter die Rückseite des Geists zu sehen, der, wie sie, im Kreis stampft und versucht, hinter die Rückseite des Geists zu schauen, der, wie sie, als die Inszenierer des Tanzes, wissen, die Rückseite einer Kulisse ist. Eine zur vor-geblichen Einsicht gedachte Hohlform. Sie haben den Geist so gebaut, dass man von hinten in ihn hinein kann, ja muss. Es gehört zum Ritual, dass aus der von vorne imposanten Figur mit bodenlangen Tanztressen hinten ein normal aussehender Hintern mit zwei stolpernden Füßen zu beobachten ist. Irgendwo musste das Loch eingerichtet werden, durch das der Geist in das Kostüm und wieder hinaus ein und aus geht und dabei auch gesehen wird, und in Amerika rieten die Zuständigen, es hinten zu machen, um die Show vorne nicht zu stören, die durch bloßes Wissen, ohne dass etwas zu sehen ist, nicht gestört werden kann.

Ein Bein fällt aus der Fassade des Theaters heraus und erzeugt einen kurzen Schreck. "It's only sham." Die Durchbrechung der vierten Wand wird als peinliches Moment wahrgenommen. Der Gegenbeweis wäre nicht durch Nachweise der zwingenden Logik der Sache, sondern durch Indizien für die Integrität des Vorführenden zu erbringen. Er sollte abgebrüht sein, nicht naiv: Tricks kennt man schon und wird man durchschauen, doch wenn der Sprecher unwissend falsche Informationen weitergibt, wie sollte man das erkennen? Jemand, der sich und mich auf die Seite der Schlauen und Guten rechnet, ist glaubwürdig. Ist die Show mies, wirft es auch ein schlechtes Licht auf die, die sich von ihr bezaubern ließen, und man hat Angst, weniger schlau zu sein als der Nächste. Haben Sie auch grad dieses Bein gesehen?

Die Betrügerin kann durchfallen, weil sie nicht gut genug betrügt, aber nicht, weil sie eine Betrügerin ist. Wenn im Ritual alles erfüllt ist, fragt niemand nach weiteren Bedingungen der Tatsächlichkeit, eine solche Frage wäre zudringlich, ekelhaft, unzulässig, abartig, einfach nicht fair. Diese Abmachung trifft auf die symbolische Vorgehensweise in Religionen und in gesellschaftlichen Umgangsformen gleichermaßen zu. Durch eine solche Abmachung ist es möglich, sich neu zu erfinden. Diese Möglichkeit ist eine Bedingung für eine Tätigkeit als was auch immer, unter anderem als magisch handelnde Person. Initiationsriten, also schwierige Aufgaben und Leiden, die alles temporär verdunkeln, stellen sich zwischen die Welt, aus der man kommt, und die Arbeitswelt der Neuen Welt. Ellis Island: Avalon.

Die USA als rhetorisches System beruhen auf kollektive Begnügungen mit Lügen und Codes, die bestimmten Leuten zugutekommen, und naturgemäß stürzt sich eine furiose Meute auf jeden, der eine konventionelle Lüge aufdeckt. Das generiert einen ebenso hysterischen Heldenkult um Ausnahmeaufdecker wie Michael Moore, die eine gewisse Größe erreichen, indem sie sehr konsensfähige Dinge sagen.

Die Fähigkeit des Einverleibens

Machtspiele, wissen wir als Cowgirls und Indianer, werden schweigsam ausgetragen; die Reduzierung der Ausdrucksmöglichkeiten ist Teil des Machtspiels. Das muss sich nicht nur ein Scharlatan, sondern auch eine Dompteuse angewöhnen. Zu jeder Zeit die Macht über die Interaktion behalten. Kehle aufschlitzen und das Gegenüber verbal ausrinnen lassen, dass es einem auch noch für die Zeugenschaft und die Sterbebegleitung dankbar ist. Nerven haben. Schweigend beobachten. Durch bestimmte Tricks das Evil dazu bringen, dass es sich von selbst extrahiert, die bösen Intentionen überrumpeln lässt. Das baut auf Optimismus oder der arroganten Annahme, dass das Gute auch das Schlauere sein wird. Das doppelte Vorgehen wird versinnbildlicht durch das Windows-Interface: Ein Pseudocode für die Masse und ein tieferliegender; die Uneingeweihten laufen im Umgang mit dem Pseudocode zumindest immer dann auf, wenn er zu den tatsächlichen Hierarchien und Abläufen in Widerspruch steht, man das aber aufgrund des Interfaces nicht sehen kann - wie Herr Truman im Film The Truman Story. Affekte, die solchen Widersprüchen auf der Spur sein könnten, werden pathologisiert und dadurch biologisiert. Eine harsche Zensur, die nicht von einer Obrigkeit, sondern einer urheberlosen Kultur der quantitativen Regelung ausgeht, und die alle Elemente, die mit der dominanten Regelung - das Übergebliebene - nicht zurechtkommen, isoliert.

Vielleicht hatte die USA einmal, als junger Immigrationsstaat, im besonderen Maß die Fähigkeit des Einverleibens, Durchschüttelns und Umbauens. Davon muss man heute wohl anders sprechen. So fett und weiß ist Amerika geworden, dass jeder Fremdkörper auf der Stelle in massenhafter weißer, geschmackloser Masse einsinkt und nie wieder gesehen wird. Doch wäre es vorschnell, diesem monströsen Wesen deswegen eine große schamanische Kraft abzusprechen. Es bindet Gifte, etwa Atomstrahlung, Inanität und Evil. Zwar ist das Wesen ein infantiles Ekel, das pausenlos von unterbezahlten Arbeitskräften mit Tonnen von Junk und billigen Massendrogen gefüttert werden muss, doch global keine schlechte Einrichtung: hierhin zielen automatisch scharfe, spitze Dinge - 95 Prozent der Attacken aus dem Weltall zielen auf die USA - und werden folgenlos aufgefangen, ohne viel an der Trägheit und intellektuellen Reduktion des blassen Haufens zu ändern. Bush band die negative Energie der Welt entlang einer Achse, einem Stemmeisen für die Energien der Dummheit. Die Dummheitskörperschaften des christlichen bzw. islamischen Fundamentalismus binden die Dämonen der Ideologie mit ihrem schlechten Karma, was früher, vor dem Erschlaffen des Kalten Kriegs, ernstere Bewegungsrichtungen besorgen mussten. Nun flottiert der Rest des ideologischen und dämonischen Potenzials frei im ideologiefreien Raum, sich unterhaltend und ineinander übergreifend.

... dass Gott im Satz vorkommt

Das Gegenteil von dieser Masse ist das Motiv der Suspension in Amerika, die gefühlte Freiheit. Eine schwebende junge Geschichte, die auf Massakern und durchgedrehten Konfiskationen fußt, die nur sehr oberflächlich aus der Kulturgeschichte der Massakrierenden herzuleiten ist und mit der der Massakrierten schon überhaupt nichts zu tun hat. Als sinnliches Phänomen kommt die Suspension in zahlreichen Beschreibungen von Einwanderern wie Hineingeborenen vor. Freilich kann man in jedem fremden Land das Gefühl haben zu schweben, doch ist das Phänomen in den USA eigentümlich massiv, und wie in Comics und Magie finden sich ausgewählte Hypertrophien, die federn und Charme und Grauen verkörpern. Etwa die gummiartige Bewegung des Zeichentricks, die Befreiung von Schwerkraft und Knochengerüst, was Vergnügen, aber auch Unbehagen auslöst. Manches ist wie um eins gedreht: Eine Pflicht wird zu einem Recht in einem Begründungskarussell, das sich in einem anderen Tempo dreht als in Europa, weil weniger Leute und mehr Blankes daran hängen. Für wen? Der Bezug zur Gesellschaft ist in den USA weitgehend von praktischen Überlegungen abgekoppelt und dafür in einem Bezugsdreieck an patriotische Dogmen gehängt, deren Inhalt traditionell locker gefasst ist. Die Maxime "God helps him who helps himself" kann praktisch alles legitimieren, wichtig ist, dass Gott im Satz vorkommt - daher kommt die Allmacht des Satzes, die jederzeit imstande ist, sofortig in jedem Praktischen zu verpuffen. Es gibt einen Realismus, der beinhart und sehr realistisch und das, was man in der Philosophie deflationär nennt, ist, und es gibt eine Ideologie, die sehr autonom ist. Dürftige, schlecht beleuchtete Wege führen zwischen Ideologie und Realismus hin und her. Ein paar hässliche Trampelpfade und ganz viele Parks, so, wie sie verwendet werden, Sackgassen, wo man mit dem Auto hinfährt und Turnübungen macht. So scheint mir oft die amerikanische intellektuelle Kultur zu funktionieren. Was für jemanden, der in einer europäischen Stadt aufwuchs, selbstverständlich ist, nämlich, dass alle Ebenen der Realität ineinander übergehen und durchgängig viele mögliche Wege, wenig Nadelöhre alles mit allem verbinden - durch die Fülle ein absolut banaler Sachverhalt -, geht so gründlich schwer in die Denkprägung von jemandem ein, der gewohnt ist, alle Wege über das Nadelöhr Auto und Straße zu navigieren. (Ann Cotten, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.01.2009)

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Zur Person:Ann Cotten, geboren 1982 in Iowa, wuchs in Wien auf und
lebt seit 2006 in Berlin. Sie studierte Germanistik.
Fremdwörterbuchsonette, erschienen in der edition suhrkamp, ist ihr
erstes Buch. Für ihr Debüt wurde Cotten 2007 mit dem
Reinhard-Priessnitz-Preis aus-gezeichnet. 2008 erhielt sie das
George-Saiko-Reisestipendium.
    foto: privat

     

    Zur Person:
    Ann Cotten, geboren 1982 in Iowa, wuchs in Wien auf und lebt seit 2006 in Berlin. Sie studierte Germanistik. Fremdwörterbuchsonette, erschienen in der edition suhrkamp, ist ihr erstes Buch. Für ihr Debüt wurde Cotten 2007 mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis aus-gezeichnet. 2008 erhielt sie das George-Saiko-Reisestipendium.

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