Über das Raubtier im Menschen

23. Jänner 2009, 17:44
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In Zeiten der Krise wird der Mensch sozialer, so der Zoologe Adolf Heschl

Mit dem Grazer Zoologen sprach Verena Kainrath über den Fuchs im Hühnerstall, das Horten von Beute und kollektive Hysterie.

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STANDARD: Zeigt das Konsumverhalten des Menschen die eine oder andere Parallele zur Tierwelt?

Heschl: Was bei Tieren ökologisch gilt, das kann auch beim Menschen angewendet werden, natürlich nur unter der Berücksichtigung seiner besonderen Intelligenz.

STANDARD: Ganz generell: Sind die Grundbedürfnisse ähnliche?

Heschl: Nahrung, der Schutz davor, gefressen zu werden, und die Fortpflanzung: Alle drei treffen auch auf den Menschen zu. Bei ihm ist es freilich viel differenzierter, Geld hat als hochkonzentrierte Ressource den Status des Wundermittels, das alle Probleme zu lösen scheint.

STANDARD: Mehr haben wollen als man tatsächlich braucht, ist das ein rein menschlicher Zug?

Heschl: Der Fuchs im Hühnerstall holt sich so viele Hendln wie möglich, verscharrt sie, legt instinktiv Vorräte für unsichere Zeiten an. Je konzentrierter eine Ressource ist, desto mehr versucht ein Tier davon zu bekommen, wenn auch freilich unbewusst. Es entstehen Neid und Aggression. Das trifft in erster Linie auf Raubtiere zu. Hunde streiten auf Biegen und Brechen um einen Knochen, Schafe um Grasbüschel erst, wenn sie knapp werden.

STANDARD: Der Mensch kommt eher der Fressgier der Raubtiere nahe ...

Heschl: Menschen häufen wie sie Ressourcen an, in unserem Fall zumeist Geld, monopolisieren diese, reklamieren sie für sich und beginnen zu horten. Menschen zählen wie viele Raubtiere zu opportunistischen Arten: Diese sind flexibel, nutzen günstige Bedingungen sehr rasch aus, fliehen vor den schlechten. Sind dann alle Ressourcen oh-ne Rücksicht ausgebeutet, zieht der Mensch weiter und sucht bis zum heutigen Tag sein Glück anderswo.

STANDARD: Wie wirken sich Krisen auf das Tier im Menschen aus?

Heschl: Sie verschärfen den Kampf um Ressourcen. Der Mensch hatte es immer wieder mit widrigen Bedingungen zu tun. Etwa als er aus dem Regenwald raus in die Savanne musste. Wird das Umfeld härter, führt er die Schäfchen ins Trockene. Das kann zu Hysterie führen, zur Überbewertung der Krise aufgrund unreflektierten Wachstumsfetischs. Von Krise ist ja bereits die Rede, wenn die Wirtschaft einmal nicht oder weniger wächst.

STANDARD: Wie stark spielt hier der Herdentrieb herein?

Heschl: Der Mensch ist ein Sozialwesen und lebt in Gruppen aus der Angst heraus, gefressen zu werden - und nicht, wie man früher vermutet hat, um ein besserer Jäger zu sein. Droht Gefahr, kann sich das zur kollektiven Hysterie aufschaukeln. Die Raubtiere haben wir natürlich längst im Griff, wir sind uns inzwischen gegenseitig der Feind. In Zeiten der Krise werden Menschen dafür generell wieder sozialer. Das zeigt der lautere Ruf nach dem Staat, nach Gemeinschaft und letztlich sogar nach "Erlösern". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.1.2009)

Zur Person

Adolf Heschl (49) erforscht die Evolution von Intelligenz bei Tier und Mensch. Der Zoologe leitete das Konrad Lorenz Institut Altenberg und lehrt an der Uni Graz.

  • Adolf Heschl: "Geld hat als hochkonzentrierte Ressource den Status des Wundermittels, das alle Probleme zu lösen scheint."
    foto: privat

    Adolf Heschl: "Geld hat als hochkonzentrierte Ressource den Status des Wundermittels, das alle Probleme zu lösen scheint."

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