Denker auf schmuddliger Bühne

23. Jänner 2009, 17:33
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Glanz einer Moderne, die es nicht mehr gibt: Der Wiener Philosoph Rudolf Burger treibt in der Essaysammlung "Jenseits der Linie" geistige Artistik

Es ist Mode gewesen, den Wiener Philosophen Rudolf Burger dafür zu schelten, dass es ihm wenig ausmacht, für die Trostlosigkeit gewisser Nachrichten einzustehen, als deren Überbringer er fungiert. Burger besorgt das wenig einträgliche und noch weniger bedankte Geschäft der Desillusionierung mit einer stilistischen Eleganz, die hierzulande ihresgleichen sucht.

Unter dem gleichwohl beharrlichen Druck seiner Essayistenfeder verraten auch solche Sachverhalte eine Nachgiebigkeit, die der gesunde Menschenverstand - aus Gründen, die oftmals die schlechteren sind - für unverrückbar oder unumstößlich gehalten hat.

Ein Beispiel: Jene Sonntagsredner, die von der "Wertegemeinschaft" sprechen, um damit die Skrupellosigkeit ihrer gesinnungsethischen Partikularinteressen zu verschleiern, müssen damit rechnen, von Burger auf dem Boden der Staatsrechtslehre gestellt und der Unredlichkeit ihrer Argumente überführt zu werden. Mit der Dunstigkeit vorletzter Begründungen ist es in einem solchen Fall meist rasch vorbei. Man könnte Burger für einen Widerspruchsgeist ausgeben, der den Zeitgeist auf dessen natürlicher Wirkungsstätte herausfordert: in Zeitschriften wie dem Merkur oder der Europäischen Rundschau.

Burger gibt sich aber nicht mit Mentalitätsbefunden ab. Er steuert auf höchst vermittelte, immer konzentrierte Weise das große Ganze an. Darin liegt auch schon der ganze Witz der in Jenseits der Linie versammelten, durchwegs grandiosen Essays: Eben jenes große Ganze ist nur unter der Einschaltung einer Verlustanzeige überhaupt anzuvisieren. Die ontologischen Gewissheiten, der metaphysische Zusammenhang, der den Menschen einst die Einbettung in einen übergeordneten Sinn versprach - sie alle sind "verdampft" (Burger).

Wahrung des Zusammenhangs

Das enthebt das denkende Gewissen freilich nicht der Mühewaltung, seine jeweiligen Orientierungen - alles dasjenige, was "normative" Ansprüche an uns stellt und in die Lebenspraxis eines jeden Einzelnen hineinwirkt - am Gedanken des Zusammenhangs zu überprüfen.

Zusammenhänge haben andere für uns, oder besser noch: vor uns bereits hergestellt. Und so hebt vorliegender Band folgerichtig mit der Analyse eines Schlüsselkapitels aus Georg Wilhelm Friedrich Hegels Phänomenologie des Geistes an: jenes "philosophischen Schlüsselromans", in dem der deutsche Idealismus das Zustande- und Zu-sich-selbst-Kommen von Vernunft und Bewusstsein triumphal feiert. Man schreibt, im Stundenbuch des Philosophen Burger, unterdessen den März des Jahres 1989, und der Autor widmet sich Kapitel VI B III aus besagter Phänomenologie, betitelt mit "Die absolute Freiheit und der Schrecken".

Man muss der Gorgo der Französischen Revolution ins Gesicht schauen, um darin die "ungeteilte Substanz der absoluten Freiheit" zu entdecken. Zur Erinnerung: Aus den Setzungen des Subjekts gewinnt Hegel die Gewissheit, dass der "Wille aller Einzelner als solcher" die wahrhaft revolutionäre Freiheit verbürgt. Alle sind alle(s) - und sind doch alle eins.

In dieser Grenzenlosigkeit ist der Terror schon angelegt: Jedes Selbstbewusstsein, das an sich selbst seine eigene Unendlichkeit erfährt, negiert in seinem Wollen jenen "allgemeinen Willen", dem es doch zugehört - und muss nun seinerseits aufgehoben werden. Die Guillotine von Robespierre und St. Just beginnt also, ihre Tätigkeit aufzunehmen.

Die von nun an verlaufende Blutspur führt in das 20.Jahrhundert herauf, hinein in die Gulags und Prozessräume all derer, die sich selbst als Vollzugsorgane des "Weltgeistes" betrachteten. Besagtem "Weltgeist" begegnet Burger heute, in der liberalen, nach innen leidlich befriedeten "Massendemokratie" , die ohne Vorschreibungen inhaltlicher Art auskommt, nur mehr noch in dessen Schwundform: der Zeitgeistigkeit.

Der Denker auf der Bühne ist nicht zu beneiden. Er führt das Dasein des denkenden Artisten, der begrifflich zu zaubern versteht, ohne doch jemals zu illusionistischen Tricks greifen zu dürfen. Dergleichen wäre nicht nur intellektuell unredlich - es täte der Schönheit, die der philosophischen Wahrheitssuche seit Platons Zeiten innewohnt, den unverzeihlichen, ja: den seit Nietzsche vielleicht entscheidenden Abbruch.

Damit nicht genug: Der Philosoph auf der Höhe der Zeit muss das allmähliche Versinken des Zukunftshorizonts konstatieren, weil unsere Gesellschaften in einer Art ewiger Gegenwart leben. Diese wird höchstens von gelegentlichen Krisen wie der jetzigen aufgebrochen. Nur ist Burger eben keiner, der zyklisch auftretenden Verfallsdekaden wie der "Postmoderne" sogleich einen anderen denn einen strikt begrenzten - und im Nachhinein eigentlich anrüchigen - Status zuerkennen würde.

Burger ist, ob er das nun möchte oder nicht, genau ein solcher Artist: Er sieht sich gezwungen, die "großen Erzählungen" ad acta zu legen, ohne darum in die Kleinteiligkeit jener zu verfallen, die die guten alten Utopien für ein wenig "Kulturbetriebsamkeit" auf dem Meinungsmarkt höchstbietend verkaufen.

Und genau darum begegnet man den Ermittlungen dieses Denkers oft auch eingeschüchtert. Burger wäre gewiss jemand, der aufgrund seiner stupenden Kompetenz mit jener "großen Erzählung" aufwarten könnte, die der philosophischen Mängelverwaltung des zu Recht oder zu Unrecht Bestehenden den Kampf ansagen könnte. Burger eignet das Zeug zum Dichter. Er musiziert freilich in und mithilfe von Begriffen. Seine ton- als sinnsetzerischen Gebilde sind denn auch so sparsam instrumentiert und souverän klangfarblich gearbeitet wie gewisse Werke Anton Weberns.

Der Band Jenseits der Linie voller "ausgewählter philosophischer Erzählungen" versammelt Werke aus den 1980er-Jahren bis heute. Er gehört jenen untröstlichen Bewusstseinsbekundungen an, deren Souveränität gerade im Verzicht auf billige Tröstungen besteht, die andere glauben, unter Verzicht auf Stringenz liefern zu müssen. Rudolf Burger (70), emeritierter Rektor der Universität für angewandte Kunst in Wien, sichert den Glanz einer Moderne, die es in Wahrheit nicht mehr gibt. (Ronald Pohl, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.01.2009)

Rudolf Burger, "Jenseits der Linie" . € 25 / 384 Seiten. Wien, Sonderzahl 2009

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