Diplomatischer Fehltritt in der US-Botschaft

23. Jänner 2009, 17:11
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Nationen im Ironietest

Hoffentlich zettle ich jetzt keine diplomatische Krise an, wenn ich das erzähle. Vor ein paar Jahren war ich einmal gemeinsam mit ein paar anderen Journalisten in die US-Botschaft eingeladen. Wir tranken Drinks, wir talkten small, dann bat die Dame des Hauses mit den Worten "Jetzt aber werde ich sie verköstigen" zu Tisch.

Ein Kollege beliebte zu scherzen und sagte: "Grad wegen der Verköstigung sind wir ja gekommen". Das war ironisch gemeint, denn der Kollege war natürlich nicht wegen der Verköstigung gekommen - oder wenigstens nicht in erster Linie. Der Botschafterin aber entging die Ironie, und so entstand ein Moment der Entgeisterung, ein bilaterales Konversationsloch, wenn man so will, das erst durch das vereinte Gesprächsgeschick der Anwesenden wieder gestopft werden konnte. Da war also jemand con brio ins gute alte Ironiefettnäpfchen getreten, das im interkulturellen Dialog immer prallvoll bereit steht.

Es ist so: Manche Nationen verstehen Ironie besser, andere verstehen sie schlechter. Die Amerikaner sind ein wunderbares Volk, anerkennungsfreudig, optimistisch (selbst in Krisenzeiten), pragmatisch, großzügig. Eines sind sie eher weniger: ironiefähig. Die Idee, einen US-Grenzbeamten oder Streifenpolizisten ironisch anzureden, ist so gut wie die Idee, Guantánamo mit einem Käsemesser zu überfallen.

Mehr Sinn für Ironie haben dieFranzosen. Etliche Meisterzyniker und Großironiker im Präsidentenamt haben ihnen vorgehüpft, wie es geht (Mitterrand wurde von einem einfachen Parteimitglied gefragt: "Ich darf Sie doch duzen, Genosse Mitterrand?" Monsieur Le Président, eisig: "Wenn Sie wollen ..."). Wie es um die Ironie der Italiener steht, weiß ich nicht. Instinktiv würde ich mich aber eher davor hüten, einem sizilianischen Entscheidungsträger ironisch zu kommen ("Sie sind mir vielleicht ein schöner Trottel, Don Corleone").

Doch jetzt zu etwas ganz anderem: Dem Krisenkolumnendilemma. Ich liebe es, Krisenkolumnen zu schreiben, aber ich hasse die Krise, wie jeder andere ökonomisch vernünftige Mensch auch. Weil es keine Krisenkolumnen ohne Krisen gibt, sehnt sich der Krisenkolumnenschreiber in mir nach einem Fortbestand der Krise, während sich der Krisenhasser in mir naturgemäß ein sofortiges Ende der Krise wünscht. Das ist eine der typischen Ambivalenzen, denen man in Krisenzeiten ausgesetzt ist. Bin gespannt, wer länger durchhält: die Krise oder ich. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.01.2009)

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