Zukunft ohne Zucker

25. Jänner 2009, 18:27
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Ab 2009 wird im Mutter-Kind-Pass auf Schwangerschaftsdiabetes getestet. Er schützt nicht nur das Ungeborene, sondern auch die Mutter vor der späteren Entwicklung eines Diabetes

Eine Schwangerschaft stellt den gesamten Körper auf die neue Situation ein und bringt damit das eingespielte System durcheinander - auch den Stoffwechsel. Etwa ab der 16. Schwangerschaftswoche benötigt der Körper ständig mehr Insulin, um den Zucker im Blut in die Körperzellen zu transportieren. "Ist die Insulin-Ausschüttung gestört oder besteht oftmals als Folge von Übergewicht eine Insulin-Resistenz, dann ist der Zuckerspiegel im Blut der Mutter und - über die Plazenta - auch beim Fetus zu hoch", erklärt Gernot Desoye, Leiter der Plazenta-Forschungsgruppe mit Schwerpunkt Schwangerschaftsdiabetes an der Med-Uni Graz.

Schwangerschaftsdiabetes getestet

Derzeit erkrankt etwa jede zehnte bis 20. Schwangere daran. Tendenz steigend. Bleibt die auch Gestationsdiabetes genannte Erkrankung unerkannt, kann dies ernsthafte Folgen für Mutter und Kind bei der Geburt und im weiteren Leben haben. Doch trotz einfacher Diagnosemöglichkeiten wird die Krankheit immer noch zu selten bemerkt.

Ab Jänner 2009 steht der Test auf Gestationsdiabetes endlich im Mutter-Kind-Pass. "Wir hoffen, dass dann mehr Gynäkologen als jetzt daran denken", sagt Alexandra Kautzky-Willer, Expertin für Schwangerschaftsdiabetes an der Med-Uni Wien. Die Zahl der unentdeckten Gestationsdiabetikerinnen ist derzeit noch erschreckend hoch.

Blutzucker bestimmen lassen

Viele Frauenärzte messen routinemäßig nur auf Zucker im Urin, doch das gilt als sehr unzuverlässig. Oft wird dann erst später im Ultraschall bemerkt, dass der Fetus durch den Schwangerschaftsdiabetes stärker als normal an Gewicht und Bauchumfang zugelegt hat. Mittlerweile empfiehlt daher die Österreichische Diabetesgesellschaft allen Schwangeren, den Blutzucker zwischen der 24. und 28. Schwangerschaftswoche bestimmen zu lassen. Frauen mit Risikofaktoren sollten diesen Test bereits bei der ersten Schwangerschaftskontrolle durchführen lassen.

Denn ab der 20. Schwangerschaftswoche reagiert der Fetus auf den erhöhten Blutzuckerspiegel mit einer vermehrten Insulinausschüttung und speichert den Zucker als Fett, was dazu führt, dass das Kind zu groß und zu schwer wird und die Lunge sich langsamer entwickelt. Bei der Geburt kann es dann zu Problemen kommen.

Risiko für Mutter und Kind erhöht

Erst im Juni zeigte die große HAPO-(Hyperglycemia and Pregnancy Outcome)-Studie, dass die Komplikationen während der Schwangerschaft und der Geburt mit der Höhe des Blutzuckerspiegels deutlich ansteigen. Andere Untersuchungen liefern zudem immer mehr Hinweise, dass sich auch für das Kind das Risiko erhöht, Jahrzehnte später an Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Problemen zu erkranken. "Durch Diabetes wird der Hormonhaushalt des Fetus bereits im Mutterleib falsch programmiert", erklärt Kautzky-Willer. "Außerdem kann die Mutter ihren Diabetes auslösenden Gene weitervererben."

Gestationsdiabetes lässt sich aber gut therapieren. Bei 85 Prozent der Betroffenen reicht die Umstellung auf eine vollwertige, gesunde Ernährung, die den Blutzuckerspiegel nur langsam ansteigen lässt. Auch Bewegung ist Prävention, denn das verbessert die Insulinsensitivität der Zellen und erhöht die Glukoseaufnahme in die Muskulatur, sodass der Blutzuckerspiegel sinkt. 15 Prozent der Betroffenen sprechen jedoch nicht ausreichend gut darauf an. Sie müssen zusätzlich Insulin spritzen.

Gegensteuern

Nach der Entbindung geht bei den meisten Gestationsdiabetikerinnen der Blutzuckerspiegel von allein wieder auf den Vorschwangerschaftszustand zurück. Aktuelle Daten des Instituts für Diabetesforschung (ifdf) der Uni München zeigen jedoch, dass 61 von hundert Frauen mit einem Insulin-pflichtigen Gestationsdiabetes binnen drei Jahren nach der Entbindung tatsächlich Diabetes bekommen. Auch wer kein Insulin benötigte, aber übergewichtig ist, besitzt abhängig vom BMI-Faktor ein Risiko von 30 bis 50 Prozent auf richtige Diabetes innerhalb der nächsten acht Jahre nach der Geburt. "Dass viele Frauen später Diabetes bekommen, hat nicht direkt mit der Schwangerschaft zu tun", sagt Andrea Schuppenies vom ifdf. "Vielmehr ist durch die erhöhte Stoffwechselbelastung während der Schwangerschaft erkennbar geworden, dass sie dafür prädestiniert sind und Diabetes sowieso bekommen hätten." Gestationsdiabetes ist als Warnung zu verstehen. Durch aktiven Lebensstil, ausgewogene Ernährung lässt sich gegensteuern. Normalgewicht halten ist von zentraler Bedeutung, damit reduziert sich das Risiko auf Stoffwechselerkrankungen bei Mutter und Kind um die Hälfte, betont Kautzky-Willer. (Andreas Grote, DER STANDARD Printausgabe, 26.1.2009)

 

  • Der Mutter-Kind-Pass dokumentiert Gesundheit von Mutter und Kind
    foto: standard/matthias cremer

    Der Mutter-Kind-Pass dokumentiert Gesundheit von Mutter und Kind

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