"Armut ist immer noch ein Tabu"

23. Jänner 2009, 08:29
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Ein Volksbegehren für die Grundsicherung will zum Nachdenken über Solidarität anregen, ohne den Kampf "Banker gegen Proletarier" zu führen

"Wissen Sie, was mich wundert? Die Menschen reden und reden, aber es passiert nichts". Robert Wenisch glaubt nicht mehr an die Versicherungen der Politik, dass die bedarfsorientierte Mindestsicherung bald eingeführt wird.

"Es gibt immer so viele schöne Worte, aber die verhallen ungehört", meint er. Für ihn Grund genug, selber zu handeln – Wenisch hat ein Mindestsicherungs-Volksbegehren ins Leben gerufen. Das Grundanliegen: Eine Mindestsicherung, die die "menschliche Würde" sichert. "Es sollte kein Mensch frieren müssen, weil er sich die Heizung nicht leisten kann." Es sei wesentlich schwerer geworden, in Österreich gut über die Runden zu kommen, findet Wenisch.

Kein Ego-Projekt

Er weiß, wovon er spricht. Er ist selber arbeitslos, lebt von der Notstandshilfe. Philosophie und Politikwissenschaft studierte er ursprünglich, hielt sich mit Nebenjobs über Wasser. "Bis die leidigen Studiengebühren eingeführt wurden, dann konnte ich mir das Studium nicht mehr leisten".

Trotzdem betont er, dass das Volksbegehren kein egoistisches Projekt ist – "die, die um das Existenzminimum herumkrebsen, werden einfach immer mehr." Das Langfristprojekt Grundsicherung werde zwischen parteipolitischen Fronten zerrieben. Dabei, meint Wenisch, gehe es bei Armutsbekämpfung nicht um Parteipolitik, sondern um die Grundfrage der Solidarität in einer Gesellschaft. Ob er das Geld, das für Bankenrettungspakete ausgegeben wurde, lieber in den Sozialstaat investiert gesehen hätte? Wenisch winkt ab, Schuldzuweisungen will er nicht treffen. "Das soll auch kein Kampf  'Banker gegen Proletarier' werden, man muss sich vielmehr gemeinsam überlegen, wie man in der Gesellschaft miteinander umgeht".

Irgendwie "durchwursteln"

Böse Absicht unterstellt Wenisch den Politikern nicht, die das Thema umschiffen und es nicht weit oben auf der Tagesordnung haben. Für viele, meint er, sei Armut einfach zu weit weg und zu schwer fassbar. "Die meisten können sich nicht vorstellen, wie schlimm es ist, sich von Monat zu Monat und von Woche zu Woche irgendwie durchzuwursteln."

In Medien, Politik und der Öffentlichkeit würde das Thema Armut nur selten vorkommen.  "Über Armut wird nicht gerne geredet, sie ist immer noch ein Tabu– aber sie ist da, und es gibt immer mehr Betroffene". Dass wenig Betroffene oder auch ehemals Betroffene sich zu Wort melden und Partei ergreifen, erklärt sich Wenisch mit dem Schamgefühl, das mit Armsein verbunden ist. "Armut wird auch im Nachhinein oft verschwiegen, man spricht nicht gerne darüber. Das ist die geheim gehaltene Armut"

"Nicht schmutzig machen"

Würden Menschen mit Armen und mit Armut unmittelbar konfrontiert, wüssten sie oft nicht, wie sie damit umgehen sollen, berichtet Wenisch von seinen Erfahrungen. "Man wendet sich schnell wieder ab, weil man sich nicht schmutzig machen will".

Was er sich von der Politik erwartet? "Die ganze kleinlichen parteipolitischen Geplänkel einmal hintanzustellen und gemeinsam eine Grundsicherung umzusetzen. Es muss doch zu schaffen sein, dass wir das in Österreich gemeinsam anpacken". (Anita Zielina, derStandard.at, 23.1.2008)

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Das Volksbegehren "Rettungspaket Grundsicherung" sammelt momentan Unterstützungserklärungen. Das entsprechende Formular können Sie auf der Homepage des Projekts herunterladen.

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    Sozialmärkte - wie hier der SOMA-Sozialmarkt des Wiener Hilfswerks- boomen. Immer mehr Menschen können sich Waren aus "normalen" Supermärkten nicht leisten.

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