Die neue Hausmusik

22. Jänner 2009, 21:32
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Mit dem "Reactable" lässt sich kinderleicht musizieren - Die Erfinder im Interview

Mit Martin Kaltenbrunner und Günter Geiger sprach Mareike Müller über Musik im Digitalzeitalter

Standard: Herr Kaltenbrunner, Herr Geiger, Sie und Ihre Kollegen von der Universität Pompeu Fabra Barcelona nennen sich digitale Instrumentenbauer. Was macht Ihren Reactable, einen Tisch mit integrierter Kamera, auf dem man Klötze umherschiebt, zum Konkurrenten von Klavier & Co?

Geiger: Anders als beim Klavier muss man nicht erst zehn Jahre üben, bis man vernünftige Melodien hervorbringt. Jeder hat schnell ein Erfolgserlebnis, sogar ohne Notenkenntnisse, denn Noten braucht man für den Reactable nicht. Wer sich mit elektronischer Musik auskennt, beherrscht die Technologie binnen weniger Tage sehr gut: Sängerin Björk nahm einen Prototyp des Tisches mit auf Tournee, und obwohl ihr Keyboarder erst kurz vorher zu lernen angefangen hatte, spielte er am Ende vier Songs damit.

Standard: Die Berührungsangst, selbst Musik zu machen, sinkt also mit Ihrer Erfindung?

Kaltenbrunner: Genau. Als modularer Synthesizer ist der Reactable natürlich nicht neu. Aber neu ist die intuitive Art, mit ihm zu spielen. Wir wollten das schlechte Image, das elektronische Musik hat, mit dem Reactable aufbrechen. Denn Computermusik hat ein Problem: die Performance. Wenn man Musiker vor ihrem Laptop sieht, bekommt das schnell ein autistisches, ein Nerd-Image. Und wer sagt uns, dass ein solcher Digitalmusiker wirklich Musik macht - und nicht nur eine CD einlegt, während er seine E-Mails checkt? Geiger: Der Reactable greift genau an dieser Stelle ein, mit seiner visuellen Komponente. Denn alles, was auf der Oberfläche des Tischs passiert, wird auf eine Leinwand projiziert. Das macht die elektronische Musik zugänglicher fürs Publikum. Es sind die visuellen Reize, die den Erfolg des Tisches bei den Zuhörern ausmachen.

Standard: Jetzt müssen Sie uns schon noch erklären, wie der Wundertisch funktioniert.

Kaltenbrunner: Einfach ausgedrückt, ist der Reactable eine Art Lego für Ton und Musik. Schwieriger ist zu erklären, wie er funktioniert. Er besteht aus einem Lichtglastisch, dessen integrierte Videokamera alles aufnimmt, was auf der Tischplatte passiert. Kamera und Software erkennen, welche Klötzchen draufliegen und wohin sie bewegt werden: Es gibt Klötze, die Töne erzeugen oder den Rhythmus vorgeben oder Klänge zerhacken usw. Über all diese Aufgaben informieren die Klötzchen den Reactable über eine Art Barcode. Das Tolle ist: Er kann auch von mehreren gleichzeitig gespielt werden, er ist eine Metapher des Kollaborativen, ein Ort des Austausches.

Standard: Musikgames wie RockBand, Guitar Hero, SingStar boomen, Apple gibt neuerdings Gitarrenunterricht über seine Hobbymusikproduktionssoftware GarageBand, und auf YouTube wurde unlängst dazu aufgerufen, sich für das erste Online-Orchester zu casten. Was ist da los?

Geiger: Der Drang, Musik zu machen, ist nun einmal ein Urwunsch der Menschen. Es gibt keine unmusikalischen Menschen, nur solche, die noch nicht ihre Fähigkeiten dazu entdeckt haben. Der Reactable könnte ihnen dabei helfen. Aber tatsächlich geht der Trend dahin, dass sich mehr Menschen dafür interessieren, Musik nicht nur zu hören, sondern auch zu machen. Firmen unterstützen diesen Drang.

Standard: Die "digital natives", also jene Menschen, die mit digitalen Technologien wie Internet, PC, MP3-Player, Handy aufgewachsen sind, befördern diesen Trend.

Geiger: Ja, sie gehen an alles spielerischer heran. Noch vor 20 Jahren hat man Musik, die Computer erzeugt haben, nicht als echte Musik empfunden, Musik galt als Handwerk. Heute dient der Rechner als Abkürzung dazu. Die digital natives akzeptieren diese andere Art, Musik zu hören und selbst zu machen. Nehmen Sie als Beispiel die Software "Vocaloid 2", ursprünglich ein virtuelles Gesangsprogramm, das hier an der Uni entwickelt wurde: In Japan wurde es sehr populär, als man es mit der Zeichentrickfigur "Hatsune Miku" zusammenbrachte. Man lässt die Figur, sprich: den Computer, Karaoke singen. Das Beispiel zeigt, wie aus einem Nischenprodukt durch kreative Umwidmung ein Massenphänomen werden kann.

Standard: Noch ist Ihr Reactable kein Massenphänomen - und wird es angesichts seines Preises auch schwer haben.

Kaltenbrunner: Das ist der Knackpunkt ... Der Reactable wird vom Preis eher ein Klavier sein als eine Blockflöte. Wer ihn sich nicht leisten kann, wird ihn aber dennoch ausprobieren können, in Ausstellungen in Museen beispielsweise. In Deutschland wird er ab April im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe zu sehen sein, und wer weiß, vielleicht steht eines Tages auch im Haus der Musik in Wien ein Reactable?

Standard: Die dahintersteckende Technologie verweist auch auf etwas anderes: Wie wir in Zukunft Computer bedienen, richtig?

Kaltenbrunner: Ja, es geht um eine neue "Interface Culture". Der Reactable selbst ist für vieles geeignet, Lernsoftware z. B. oder Games; letztlich ist er eine Plattform. Er definiert eine neue Art, mit Computern zu kommunizieren. Technologien werden sich mehr in den Alltag integrieren, nicht so in den Vordergrund drängen und derart viel Aufmerksamkeit aufsaugen wie die heutigen PCs. Auch wenn die Technologie dahinter sehr anspruchsvoll ist, lässt der Reactable vergessen, mit einer Maschine zu kommunizieren.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2009)

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