"Habe selbst nicht gewusst, dass ich ein Schwabo bin"

23. Jänner 2009, 19:00
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Simon Kravagna, Chefredakteur von Biber, erklärt warum JournalistInnen mit Migrationshintergrund ihre "eigenen" Leute besser kritisieren können

"Journalistinnen und Journalisten mit migrantischem Background haben weniger Hemmungen, ihre 'eigenen' Leute zu kritisieren", sagt Simon Kravagna, Chefredakteur von Biber. Journalismus mit "Betroffenheitspathos" würden auch "Zeitungsleser mit migrantischem Background" nicht mehr lesen wollen. Warum Biber "Journalismus mit scharf" macht, ob Strache "Daham statt Islam" inserieren dürfte und über Bezeichnungen wie "Tschusch, Jugo und Schwabo*)" sprach er mit Katrin Burgstaller.

derStandard.at: Biber-Redakteurin Ivana Cucujkic wird nächste Woche mit dem "Publizistikpreis für Interkulturellen Dialog" bekommen. In den der österreichischen Medienlandschaft mangelt es an RedakteurInnen mit Migrationshintergrund. Betreibt Biber Journalistenausbildung?

Kravagna: Ivana Cucujkic hat bereits eine Louis Vuitton-Tasche aus der neuen Kollektion bestellt und freut sich schon auf die fette Kohle. Aber ernst: Natürlich haben Biber-Redakteurinnen eine besondere Chance, sich zu profilieren und werden auch gezielt gefördert. Zudem vermittelt Biber seinen Redakteuren je nach Interesse und Fähigkeiten auch Praktika bei größeren Medien.

Im Februar werden etwa drei Biber-Redakteure ein Voluntariat im Kurier machen. Weitere werden folgen. Es wäre also logisch, dass einige Biber-Redakteure in andere Zeitungen hineinwachsen. Generell sieht Biber aber seine Aufgabe nicht in der Journalistenausbildung, sondern im Wachstum des eigenen Produkts – und das nicht nur im Printbereich. Wir machen Journalismus mit scharf für eine kommende, neue Generation an Zeitungslesern.

derStandard.at: Die Jury begründet die Zuerkennung des Preises damit, dass Cucujkic "gesellschaftspolitischen Journalismus abseits Betroffenheitspathos" vertritt. Gerade in den Mainstreammedien kommt genau dieser Betroffenheitspathos oft vor. Warum eigentlich?

Kravagna: Ich weiß nur, dass das zunehmend niemand mehr lesen will. Vor allem nicht jene, für die das angeblich geschrieben ist. Will man Zeitungsleser mit migrantischem Background gewinnen, dann geht es ohnehin um etwas anderes. Generell ist eine Zeitung dann erfolgreich, wenn sie ihren Leserinnen und Lesern neben Informationen auch eine emotionale Heimat bietet. Biber baut daher seine Homepage gerade zu einem Community-Medium aus. Zudem wollen wir eine Event-Schiene aufbauen. Biber ist mehr als eine Zeitung – es soll das Lebensgefühl unserer Leserinnen und Leser transportiert werden.

derStandard.at: Aber manchmal ist der sogenannte "Betroffenheitspathos" schon auch angebraucht, oder nicht?

Kravagna: Wenn damit gemeint ist, dass Ungerechtigkeiten, Rassismen und Diskriminierungen auch so beschrieben werden sollen, dann ja. Wir sind nicht der Meinung, dass die Welt gerecht ist, nur weil wir auch die schönen Seiten des Lebens beschreiben. Ein Skandal bleibt immer ein Skandal. Das ist auch im Biber so. Und eine gewisse Sensibilität für den Umgang miteinander, der muss natürlich auch da sein.

derStandard.at: Auf der Biberwebsite heißt es "Biber schwingt nicht die moralische Integrationskeule". Was konkret ist damit gemeint?

Kravagna: Die Debatte über Integration ist in Österreich lange falsch geführt worden. Es ist nicht jeder ein Rassist, der von Österreichern mit einem migrantischem Background oder aber Ausländern auch gewisse Pflichten und Verhaltensregeln einfordert. Vor allem Teile der politischen Linken haben hier versagt: Man hat sich dieses Thema von den Rechten wegschnappen lassen und kommt seitdem aus dem defensiven Eck nicht mehr raus.

Das führt zu einer völlig verkrampften Diskussion, die niemanden etwas bringt – außer den Rechtspopulisten. Wir durchbrechen diese eingefahrenen Linien. Das geht natürlich bei uns schon deshalb leichter, weil Journalistinnen und Journalisten mit migrantischem Background auch weniger Hemmungen haben, ihre "eigenen" Leute zu kritisieren.

derStandard.at: Mitunter liest man im Biber schon deftige Ausdrücke. Tschusch, Jugo und Schwabo zum Beispiel. Wird das von den jeweiligen Gruppen nicht als Beleidigung aufgefasst?

Kravagna: Es gibt Beschwerden, die sind aber nicht sehr häufig. Bis wir hier diese Zeitung gegründet haben, habe ich selbst nicht gewußt, dass ich ein Schwabo bin. Das erweitert doch den Erkenntnishorizont und ich habe kein Problem mit der Bezeichnung. Wie immer zählt aber bei einer "deftigen" Bezeichnung vor allem der Kontext, in dem diese fällt. Im Biber ist es ok, anderswo kann es leicht zu Problemen führen. Also bitte nicht unbedingt nachmachen beim nächsten Streit mit dem Nachbarn im Gemeindebau.

derStandard.at: Im Biber gab es ein Interview mit Heinz-Christian Strache, der sich ja um die serbische Community bemüht. Inseriert die FPÖ auch bei Ihnen?

Kravagna: Nein.

derStandard.at: Hätten Sie ein Problem damit, wenn die FPÖ Sprüche wie "Daham statt Islam" bei Ihnen inseriert?

Kravagna: Das müssten wir in der Redaktion diskutieren. Es gibt hier sehr unterschiedliche Meinungen. Ich hätte nichts dagegen, weil der Leser zwischen Anzeige und Redaktion unterscheiden kann. Viele Redakteure und Leser würden aber heftig protestieren. Vielleicht wird es dann ein sehr teures Inserat (lacht).

derStandard.at: Ist es für das Biber schwer, Interviews mit Spitzenpolitikern zu bekommen? Wie werden Sie von der Politik wahrgenommen?

Kravagna: Biber ermöglicht Politikern in Wien den Zugang zu einer sehr speziellen Zielgruppe und das ist allen Akteuren bewusst. Wir bekommen jedes Interview.

derStandard.at: Biber hat mit einer Auflage von 50.000 Stück gestartet. Wie schaut das heute aus? Wollen Sie das Heft künftig auch in den Bundesländern verteilen?

Kravagna: Wie gehabt: Es sind 50.000. Expansionspläne sind für den Herbst vorgesehen. Wichtiger ist uns aber aktuell, den Kontakt mit unserer Zielgruppe auch Online und im Veranstaltungsbereich zu intensivieren. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 23. Jänner 2009)

Zur Person

Simon Kravagna ist Chefredakteur von Biber und Innenpolitik-Redakteur beim Kurier. "Schwarze Titel. Weiße Behörden" lautet der Titel seiner Dissertation im Fach Politikwissenschaft.

Biber "die erste Stadtzeitung mit scharf" wurde 2006 gegründet. Biber erscheint sechs Mal im Jahr und wird in Wien kostenlos verteilt.

*) "Schwabo" ist abgeleitet von "Schwabe". "Schwabo" kann als Kose- oder Schimpfwort für ÖsterreicherInnen verwendet werden.

  • Simon Kravagna, Chefredakteur von Biber: "Es ist nicht jeder ein Rassist, der von Österreichern mit einem migrantischem Background oder aber Ausländern auch gewisse Pflichten und Verhaltensregeln einfordert."
    foto: igor minic

    Simon Kravagna, Chefredakteur von Biber: "Es ist nicht jeder ein Rassist, der von Österreichern mit einem migrantischem Background oder aber Ausländern auch gewisse Pflichten und Verhaltensregeln einfordert."

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