China stottert in der Krise

22. Jänner 2009, 19:22
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Chinas Wirtschaft ist von der globalen Krise schwer getroffen worden, schlimmer geht es aber seinen Nachbarländern

Chinas Wirtschaft hat im vierten Quartal 2008 die volle Wucht der weltweiten Krise zu spüren bekommen. Die chinesische Wachstumskurve nahm nach neun Prozent Zuwachs im dritten Quartal auf 6,8 Prozent zum Jahresende ab. Für das Gesamtjahr 2008 fiel das Land mit neun Prozent erstmals seit 2002 wieder auf ein einstelliges Jahreswachstum. 2007 hatte die Wirtschaft noch um 13 Prozent zugelegt. China stieg damit zur weltweit drittgrößten Volkswirtschaft auf, noch vor Deutschland. "2008 trugen wir zu über 20 Prozent des weltweiten Wachstums bei", so Ma Jiantang, Direktor des Statistischen Amtes in Peking.

Drei Tage vor Beginn des als größtes Familienfest gefeierten Chinesischen Neujahrs bemühte sich Statistikchef Ma ein rosiges Bild von Chinas Wirtschaft zu zeichnen. Er deutete gar eine Trendwende an. Erste Zahlen für Dezember würden einen leichten Anstieg bei der Industrieproduktion, bei der Nachfrage oder im Kreditvolumen zeigen. Pekings Lockerung der Geld- und Kreditpolitik und gezielte Fördermaßnahmen für den Binnenmarkt und Exporte wirkten sich aus. Die überraschend positiven Zahlen aus Peking passen aber nicht so recht zu den düsteren Warnungen von Chinas Premier Wen Jiabao. Der hat jüngst sein Land vor einem schweren 2009 gewarnt. Wen fährt zu Gesprächen über gemeinsame Krisenabwehr und zur Vorbereitung des G20-Finanzgipfels in London Ende Jänner nach Europa, wo er neben Deutschland auch England und Spanien besucht und beim Weltwirtschaftsforum in Davos spricht.

Klassenprimus China

Chinas immer noch robuste Wirtschaft hebt sich von seinen Nachbarn ab. Singapurs Regierung musste die Prognose für 2009 drastisch herunterschrauben, die Wirtschaftsleistung könnte 2009 um bis zu fünf Prozent fallen. Auch in Korea verschärft sich der Abschwung. Im vierten Quartal 2008 ist die koreanische Volkswirtschaft um 5,6 Prozent geschrumpft. Doch ein Vergleich mit China fällt schwer. In Peking wurden für das vierte Quartal keine absoluten Zahlen veröffentlicht, sondern sie prozentual zum Vorjahr vergleichen. Daher rätseln viele Experten, wie "scharf die Korrektur" im vierten Quartal tatsächlich ausfiel. Analysten der Bankkonzerne Standard Chartered und Morgan Stanley gehen sogar von Nullwachstum aus.

Statistikchef Ma erwähnte bei der Vorstellung des Jahresergebnisses 2008 nur am Rande die Risiken einer "international tiefer werdenden Finanzkrise, die sich mit weiteren negativen Folgen auf Chinas einheimische Wirtschaft auswirkt". Er räumte aber ein, dass die Krise auch in China keinen Bereich verschont hat. Seit Oktober hätte sie "schnell übergegriffen" von den Kleinunternehmen zu den Staatsbetrieben, von der Export- auf die einheimische Wirtschaft und von der Ostküste aus das Inland.

Diese "vorübergehenden Probleme" würden aber die Fundamente der Wirtschaftsentwicklung nicht unterminieren. Die Größe des Landes, seine Binnennachfrage, seine 700 Millionen Arbeitskräfte und ein von der Krise beflügelter Innovationsschub böten die Gewähr. Hinzu kommen die gesamtwirtschaftlichen Anschubmaßnahmen und "kraftvollen Eingriffe" der Pekinger Führung. Als Beispiel nannte er die vom Staatsrat gerade vorgezogene Reform für eine elementare Krankenversicherung, die 90 Prozent der Bevölkerung bis 2011 zugute kommen soll. Bis 2011 sollen alle zentralen und regionalen Behörden dafür 850 Mrd. Yuan (rund 95 Mrd. Euro) investieren.

Statistiker Ma widersprach gestern Meldungen über Massenentlassungen von Wanderarbeitern. Er nannte aber keine konkrete Zahlen, sondern Prozentangaben. Erst 40 Prozent der Wanderarbeiter seien in ihre Dörfer zurückgekehrt. Nur jeder Fünfte sei entlassen worden. Alle anderen wollten nur zu Hause Frühlingsfest feiern.(Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2009)

 

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