Drei Todesurteile in Milchskandal

22. Jänner 2009, 19:18
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Im Zuge des Skandals waren rund 300.000 Kinder erkrankt, sechs starben

Peking - Die Angeklagten wurden am Donnerstag in gelben Gefangenenwesten in den Gerichtssaal gebracht. Sie trugen die Aufschrift "Shijiazhuang-Lager für Untersuchungshaft." Wochenlange Verhöre und ganztägige Prozesse im Dezember lagen hinter ihnen. Drei Todesurteile, eines davon mit zweijährigem Aufschub, verhängten die Richter in der Provinzhauptstadt Shijiazhuang gegen drei Produzenten und Panscher der Chemikalie Melamin, die in Milch und Milchprodukte aller Art gemischt wurde.

Die 66-jährige Hauptangeklagte Tian W., die sich für schuldig bekannte, kam mit dem Leben davon. Die Vorstandsvorsitzende des Milchprodukte-Konzerns Sanlu, der inzwischen Konkurs angemeldet hat, wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Dutzend Eltern protestierte hinter Polizeiabsperrungen beim Gericht. Die Demonstranten hielten Plakate hoch, auf denen stand: "Gebt mir das Leben meines Kindes zurück!" Ein Mann, dessen Enkelin einjährig an Nierenversagen starb, rief, als er vom "Lebenslang" hörte: "Das ist ungerecht. Sie hat den Tod verdient." Die Vorstandschefin von Chinas führendem Milchpulver-Hersteller war nicht als "Giftmischerin", sondern wegen "Produktion und Verkauf qualitativ unzureichender Waren" verurteilt worden - eine Anklage, auf die maximal lebenslange Haft stehen. Auch, wenn in Chinas größtem Nahrungsmittelskandal bisher mindestens sechs Babys starben und fast 300.000 Kleinkinder an Nierensteinen erkrankten.

Skandal monatelang vertuscht

Ganz China hatte bereits die Hauptverhandlung gegen Tian W. am 31. Dezember verfolgt. Sie dauerte von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends. Sie und ihre engsten Mitarbeiter hatten Mitte Mai von der Verseuchung ihrer Milch erfahren. Aber erst im September, nach Ende der Olympischen Spiele, wurde er aufgedeckt.

Einer der zum Tode verurteilten Angeklagten, Zhang Y., ist ein Rinderzüchter aus dem Bauernkreis Quzhou. Das Gericht lastete ihm die gewerbsmäßige Herstellung des Protein-Pulvers aus Malzstärke und Melamin an. Melamin-Milch zeigt einen höheren Nährwert an und konnte so teurer verkauft werden. Das Gericht wies Y. nach, über 600 Tonnen für umgerechnet 700.000 Euro verkauft zu haben.

Der zweite zum Tode Verurteilte war der Milch-Käufer und -Händler Geng J. Er verkaufte die verseuchte Milch an Sanlu. Insgesamt 21 am Melaminskandal Beteiligte wurden am Donnerstag von vier Gerichten verurteilt. Neben den Todesstrafen erhielten sie Strafen zwischen fünf und 15 Jahren Haft.

Bis heute ist nicht öffentlich geklärt worden, ob die späte Aufdeckung des Skandals mit den Olympischen Spielen zusammenhängt und wer dafür die Verantwortung trägt. Die politische Verantwortung musste Chinas oberster Qualitätskontrolleur Li Changjiang mit seinem Rücktritt übernehmen.

Sanlu war nur das größte von 22 Unternehmen, bei denen verseuchte Milchprodukte entdeckt wurden. Der Skandal endete mit 128 Schließungen von 638 Herstellern. Die Industrie musste international tausende Tonnen Produkte zurückrufen. Chinas Gesundheitsämter ließen über 22 Millionen Babys und Kleinkinder auf Nierenschädigungen untersuchen. Premier Wen Jiabao machte die Reorganisation der Nahrungsmittelindustrie zu seiner Chefsache.

Mit schnellen, harten Urteilen wollte Peking kurz vor dem Frühlingsfest das Kapitel abschließen. Die Milchindustrie gründete einen Hilfsfonds, um die betroffenen Eltern und Kinder zu entschädigen. Zusätzlich formieren sich Anwaltsinitiativen, die für die Eltern neue Sammelklagen vorbereiten. (Johnny Erling aus Peking, DER STANDARD - Printausgabe, 22. Jänner 2009)

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    Gegen vier Angeklagte in gelben Gefangenenwesten wurden am Donnerstag in Shijazhuang die Höchsturteile verlesen.

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