Karriereknick für Königsberg

22. Jänner 2009, 19:13
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Immanuel Kant hat seine Wirkungsstätte nie verlassen. Nur Thomas Bernhard schickt ihn als Starphilosophen auf hohe See. Matthias Hartmann, Burg-Chef in spe, inszenierte die Komödie in Zürich als prächtiges Amusement

Alexander von Humboldt soll am Orinoco einen Papagei entdeckt haben, der als einziges Lebewesen die Maypure-Sprache beherrschte und überliefern konnte: Das Tier hatte sich im Besitz eines Stammes befunden, der von Feinden ausgerottet worden war. Ginge es nach Thomas Bernhard, wäre auch das komplette Denken Immanuel Kants in einem Vogel gespeichert: im Graupapagei Friedrich, mit dem der Professor seit dreißig Jahren weit intensiver verpartnert ist als mit den menschlichen Existenzen, die ihn ebenfalls auf der Überfahrt nach Amerika begleiten.

"Korrektest" gibt der gefiederte Friedrich die Philosophie seines Herrchens wieder, "Imperativ! Imperativ!", schnarrt er vergnügt. Als Triumphzug für den herrischen Geistesmenschen lässt sich die Reise an, im Hafen allerdings nimmt man ihn als Geisteskranken in Verwahrung.

Thomas Bernhard, in dessen Werk die Philosophen immer wieder Gegenstand von Schmäh und Schmähung waren, pickt einige biografische Details aus dem Leben des historischen Kant heraus. An die fortschreitende Erblindung knüpft sich im Stück ein Deal: Der an einem Glaukom Leidende setzt auf US-Ärzte und missioniert dafür die Staaten: "Du bringst Amerika die Vernunft. Amerika gibt dir das Augenlicht", benennt es die ergebene Gattin. Daneben stattet Bernhard die Biografie seines Kant mit skurrilen Details aus: etwa mit einem Cousin, der der Erfinder des Kühlwagens ist und dessen Denkmal in Innsbruck steht.

Dem Schlenker nach Tirol vermag das Zürcher Premierenpublikum weniger abzugewinnen als dem kleinen Wortwechsel mit "Admiral" und "Emmental". Insgesamt aber amüsiert man sich prächtig über Kalauer wie "seekrank" versus "sehkrank", über Kants Beharren auf sechs Wochen alten Tageszeitungen und seine Verkostung der guatemaltekischen Körner für den sensiblen Käfigbewohner.

Kult-Kant mit Fingerzeig

Matthias Hartmann inszeniert texttreu und zeitlos. Die einzelnen Abschnitte trennt eine Schwarz-Weiß-Projektion mit Kielwasser und Meeresrauschen, das Bühnendeck (Volker Hintermeier) kann schaukeln und schwanken. Der Schwank konzentriert sich zunächst auf Bernhards Sprachkomik und ein bisschen Slapstick, Michael Maertens als Kult-Kant, gern mit erhobenem Zeigefinger, hat die Szenerie im Griff.

Mit dem Auftritt der Millionärin, die im Zuge ihres Titanic-Hebungs-Projektes wieder einmal nach Übersee dampft, wird die Komik körperlich: Sunnyi Melles, vom Philosophen als "Millio-Närrin" tituliert, ist Kapitän dieser Produktion: Die Diva, die sich als Kant-Groupie gibt, bleibt die Einzige, die dem Stargast des Luxusdampfers eine andere Art von Wahnsinn entgegenzusetzen hat. Sie textet Frau Kant zu, ist ungeniert banausisch und schmeißt sich, zunehmend beschickert, an sämtliche wichtigen Passagiere vom Kardinal bis zum Kunstsammler ran. Wenn Melles im schwarzen Badeanzug mit zartem Fransennegligé ihre künstliche Kniescheibe vorführt, wird sie zu Lola-Lola und Professor Kant zu Professor Unrat.

Kostümbildnerin Su Bühler, die mit Hartmann nach Wien wechseln wird, pfeffert den Traumschiff-Glamour mit einer Prise Popkultur: Auf dem Ersatzteil, mit dem die Millionärin kokett wackelt, prangt ein Smiley-Tattoo, Immanuel Kant trägt eine milchige Marilyn-Manson-Linse im Aug.

Zuletzt empfängt den Professor Kant in New York nicht ein Komitee der Columbia Universität, sondern ein Grüppchen Weißkittel, das ihn unverzüglich abführt. "Sie haben mich erkannt", lauten die Schlussworte. Die vorhergehende Anrede "Professor Kant" lautet in der Zürcher Inszenierung, pünktlich zu Barack Obamas Inauguration, "Professor Can't". "Yes, we can!" ist hier im Umkehrschluss nicht Parole der Hoffnung, sondern eine abgebrüht-aufgeklärte Ansage wider die Narrenfreiheit. (Petra Nachbaur aus Zürich / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2009)

 

  • Studien, natürlich auch am lebenden Objekt: Michael Maertens (Kant) nimmt die künstliche Kniescheibe der Millionärin (Sunnyi Melles) in Augenschein.
 
 
    foto: tanja dorendorf


    Studien, natürlich auch am lebenden Objekt: Michael Maertens (Kant) nimmt die künstliche Kniescheibe der Millionärin (Sunnyi Melles) in Augenschein.

     

     

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