Der nächste Schock auf der Streif

22. Jänner 2009, 18:49
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Daniel Albrecht kam im Training mit 138 km/h zu Sturz - Schweizer erlitt Schädel-Hirn-Trauma und Lungenquetschung

Kitzbühel - Déjà-vu auf der Rasmusleitn. Dort, wo im Vorjahr in der Abfahrt der Amerikaner Scott Macartney so schwer gestürzt war, wo es einmal Andreas Schifferer ganz arg erwischt hatte, dort verunglückte am Donnerstag der Walliser Daniel Albrecht. Der 25-jährige Kombi-Weltmeister von 2007, der heuer zwei und in seiner Karriere vier Weltcuprennen gewonnen hat, geriet beim Zielsprung bei 138 km/h in Rückenlage, krachte nach einem rund 70 Meter langen Flug auf Rücken und Hinterkopf und dann nach vorn aufs Gesicht. Er war sofort bewusstlos.

Nach einer rund 20-minütigen Erstversorgung auf der Piste wurde Albrecht per Hubschrauber ins Krankenhaus in St. Johann in Tirol geflogen. Dort diagnostizierte Rennarzt Helmuth Obermoser zunächst eine Gehirnblutung und eine Lungenquetschung. Albrecht war kurz ansprechbar und wurde dann in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt. Das Schweizer Skiteam verlautbarte, dass sein Zustand stabil sei. Zur genaueren Untersuchung und Behandlung wurde Albrecht in die Universitätsklinik Innsbruck überstellt.

Dort wurde ihm in der Traumatologischen Intensivstation eine Sonde zur Überwachung des gestiegenen Gehirndrucks gesetzt. Albrecht soll zumindest weitere 24 Stunden im künstlichen Tiefschlaf bleiben. Für heute, Freitag, 17 Uhr hat die Klinik eine Pressekonferenz angesetzt. Laut Klinik-Sprecher Johannes Schwamberger ist der Gehirndruck relevant, die Lungenquetschung sei geringen Ausmaßes. Die Gehirnblutung wurde nicht dezidiert erwähnt.

Schranz und die Helmpflicht

Naturgemäß wird die Sicherheit im rasanten und lebensgefährlichen Abfahrtssport diskutiert, seit es ihn gibt. Im Vorjahr wurde der Sprung auf der Rasmusleitn nach Kritik von vielen Fahrern und Trainern sogar vor dem Rennen entschärft. Und doch erwischte es Scott Macartney, bei dem gar der Helm brach, der ihm dennoch das Leben rettete, und der ebenfalls in ein künstliches Koma versetzt wurde. Die Helmverschlüsse sind seit damals verstärkt.

Karl Schranz (70), Legende, war blass wie alle anderen Beobachter. Der Mann kennt die Diskussionen über die Sicherheit seit Jahrzehnten. Helmpflicht im Abfahrtssport herrscht übrigens bereits seit 1960. "Ich habe zwei Rennen gewonnen, in denen es Tote gab", erzählt Schranz. "Es war schrecklich. Daraufhin wurde im allgemeinen Konsens die Helmpflicht eingeführt." Schranz, der zu einer Zeit sportelte, als beispielsweise auf dem Hausberg direkt neben einem Tor noch eine meterdicke Tanne wohnte, plädiert dafür, das Schlusskriterium auf der Streif so wie zuletzt das Ziel-S in Wengen entscheidend zu entschärfen. "Nach zwei Minuten Fahrt ist die Gefahr eines Konzentrationsfehlers viel größer. Natürlich gibt es immer diesen Spagat zwischen spektakulären Szenen und der Sicherheit. Jetzt muss einmal die Vernunft siegen."

Ständiger Fortschritt

Die Investitionen in die Sicherheit sind jedenfalls enorm. Kilometerlange Netze schützen die Fahrer vor dem Abflug in den Wald, gepolsterte Planen im Kurvenäußeren verhindern das Einfädeln im Netz, was 1991 in Wengen zum Tod von Gernot Reinstadler führte. Die Fahrer sind nicht nur behelmt, sondern tragen auch Rückenprotektoren. Seit heuer dürfen sie alle Körperteile schützen. (Benno Zelsacher; DER STANDARD Printausgabe 23. Jänner 2009)

 

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    Daniel Albrecht kommt beim Zielsprung zu Sturz.

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