Wien, sein Geist und das Gespenst davon

22. Jänner 2009, 18:50
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Der Tod des besten österreichischen Fußballspielers befeuerte die Mythen. Bis heute kann das Leben des böhmischen Buben als moderne Geschichte erzählt werden

Wien (Vídeò) - Der 23. Jänner 1939 war ein Montag. Und wie an jedem anderen Montag auch, hat Wien sich mit einem tief empfundenen "Na, die Woch'n faungt ja guat an!" beglückwünscht. Diesmal aber, vor genau 70 Jahren, kam zum fröhlichen Morgengruß noch ein Gerücht hinzu, das sich in den Straßenbahnen bald zur Tatsache verdichtete: "Der Papierene hat an Abgang g'macht." Mit 35 Jahren.

Wien raunte sich allerlei Unglaublichkeiten zu: Selbstmord! Kööch im Milieu! Eifersuchtsmord! Dabei ist es bis heute geblieben. Die wahrscheinlichste Todesursache, Kohlenmonoxydvergiftung durch einen schadhaften Kamin nach dem Wetterumschwung am Wochenende, passte und passt einfach nicht zu Österreichs bestem Fußballspieler aller Zeiten, dazu wurde er ja auch von der "International Federation of Football History and Statistics" gewählt.

Das Gewicht der insgesamt etwas komischen, Zeitzeugen zufolge ein wenig angetrottelten Figur des Matthias Sindelar, trägt sie bis in die Gegenwart. Wobei seine unbestrittene Kunst, das Fußballspielen, bloß der Vorwand ist, ihn als ein "role model" zu beschreiben.

War es einst die etwas schwejkhafte Widerständigkeit, auf die alle sich einschworen, ist es nun die schlawinerhafte Nazinähe, aus der heraus er zwar den jüdischen Präsidenten seiner Austria, Emanuel "Michl" Schwarz "immer griaßn" wollte, gleichzeitig aber unbarmherzig den Leopold Simon Drill um sein Eigentum, das Café Annahof, brachte, weshalb ihm nun das Ehrengrab am Zentralfriedhof abzuerkennen wäre.

Eine Verwechslung

Demgegenüber stünde dann allerdings der erstaunliche Heroisierungsdrang des gerade aus Wien vertriebenen Geistes, der den toten Sindelar sofort für sich reklamierte. Alfred Polgar, der begnadete Miniaturenschreiber und unerreichbar scheinendes Vorbild für alle heutigen Zeitungs-Schmieranskis, kam Anfang 1939 über die Schweiz nach Paris. Seine erste dortige Arbeit war für das Emigrantenblatt Pariser Tageszeitung. "Abschied von Sindelar" hieß der Artikel. Und er beschrieb darin - erstaunlicher- oder nicht erstaunlicherweise - das Schicksal des Egon Friedell, der sich im März 1938 aus dem Fenster gestürzt hatte, als die Nazischergen schon an seine Tür klopften.

"Aus Treue zur Heimat", so imaginierte oder wünschte sich Polgar also den Sterbehergang des von ihm so hoch Verehrten, "hat er sich umgebracht; denn in der zertretenen, zerbrochenen, zerquälten Stadt leben und Fußball spielen, das hieß, Wien mit einem Gespenst von Wien zu betrügen."

Dass Sindelar selbst dieses Gespenst war, als er in der Nacht vom 22. auf den 23. Jänner starb, ein halbes Jahr nach der Neueröffnung des Café Annahof als Café Sindelar, konnten weder Polgar noch Friedrich Torberg, der spätere Bänkelsänger des Kickers, wissen. Sie wussten - wie übrigens auch Hans Weigel - nur eins: Dass einer, der so Fußball spielte, ein Teil des Geistes und nicht des Gespenstes sein konnte. Beziehungsweise und wahrer: sein durfte.

In all den Geschichten, die bis heute über Matthias Sindelar erzählt werden, kommt ein Aspekt freilich immer zu kurz. Dass er, wie so viele andere Kicker in der Zeit des legendären Wiener Fußballwunders, ein Secondo war. Ein böhmischer Bub, der als Zweijähriger mit seiner Familie vom mährischen Kozlov in die Favela namens Favoriten kam.

Eines der berührendsten Dokumente aus Sindelars Nachlass ist jene Feldpostkarte, die sein später gefallener Vater Johann von der Isonzofront heim in die Quellenstraße schickte. "Gvelen Srase 75", adressierte er und präzisierte: "Vin." Absender: "Johan Sindelaø, Lantsurman." Man möge sich bloß vorstellen, was Maria Fekter sagen würden zu so etwas! Damals wurde sie einfach nur zugestellt.

Eine Beschämung

Matthias Sindelar wurde - für die Nachgeborenen ist das wohl die weitaus größte Leistung seines außerhalb des Platzes eher patscherten Lebens - mit einer Anstandslosigkeit ein waschechter Wiener, der heutige Österreicher mit ihrer diesbezüglichen Problemsicht einigermaßen beschämt. Dort, wo die Wiener Austria heute spielt, war einst das Sportgelände eines wienerisch-tschechischen Kulturvereins. Nach dem war der Platz benannt: Èeske srdce. Genau ein solches Herz schlug im "papierenen" Körper. Und wohl auch in dem von ganz Wien, würde die Stadt sich nicht bis heute eher als Gespenst sehen. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe 23.01.2009)

  • Ariseur: Matthias Sindelar 
posiert - stolz oder verlegen - vor dem Café Annahof des Leopold Simon Drill.
    fotos: bezirksmuseum favoriten

    Ariseur: Matthias Sindelar posiert - stolz oder verlegen - vor dem Café Annahof des Leopold Simon Drill.

  • So hatte es der böhmische Bub 
- hier gegen die Prager Sparta - am liebsten: geschlagener Goalie, fliegender 
Verteidiger, grinsender Schindi.
    fotos: bezirksmuseum favoriten

    So hatte es der böhmische Bub - hier gegen die Prager Sparta - am liebsten: geschlagener Goalie, fliegender Verteidiger, grinsender Schindi.

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