Die tote Tänzerin und ein Prozess mit Dacapo

22. Jänner 2009, 17:30
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Wiener Prozess um ermordete Striptease-Tänzerin in Prag: Urteil nach knappem Freispruch aufgehoben

Wien - Viele Indizien belasten den Angeklagten massiv - andere wiederum lassen Zweifel aufkommen, ob er es tatsächlich gewesen ist: Hat ein 31-jähriger Computerfachmann am 9. Mai 2007 in Prag die Stripteasetänzerin Olga erschlagen - oder doch nicht? Diese Frage sollte am Donnerstag ein Schwurgericht in Wien entscheiden.

Auf der einen Seite die Sicht von Staatsanwalt Christian Walzi, der überzeugt ist: "Er hat das Bügeleisen genommen und zugeschlagen." Aus Eifersucht, weil Olga mit ihm Schluss machen wollte. Seine große Liebe, die er in einem Prager Striplokal kennengelernt hatte, die bei ihm gewohnt hatte, die ihn heiraten wollte - wegen der Staatsbürgerschaft.

Gleichzeitig war Olga mit einem französischen Musiker arabischer Herkunft jeweils zwei Wochen verreist, gegen ein Entgelt von je 5000 Euro. Dieser "Rafik Hamza" , dessen Identität nie enthüllt werden konnte, hatte Aktfotos von Olga an den Angeklagten geschickt.

Der Computerfachmann war dann an jenem 9. Mai in Prag, wo er kurz nach 12.30 Uhr in der Wohnung ankam, die er für Olga gemietet hatte. Eine knappe Viertelstunde vorher habe die Frau noch gelebt, da sie ihm eine SMS schickte, auf die der Angeklagte drei Minuten später geantwortet habe, betont Staatsanwalt Walzi.

Rund eine halbe Stunde nach der Ankunft des Angeklagten läutete der Wohnungsvermieter bei der Türe an, um die Miete zu kassieren. Der Computerfachmann öffnete, zitterte am ganzen Körper, sagte, Olga sei bei ihrem Bruder.

Einen Tag später reiste der gebürtige Mödlinger ab. Eine Woche später wurde die verweste Leiche der Frau im Schlafzimmer gefunden. Neben ihrem Kopf lagen zwei Kondome - mit der DNA-Spur des Angeklagten. Sowie Zigarettenstummel - mit der gleichen DNA-Spur. Der gleiche genetische Fingerabdruck fand sich auch unter den Nägeln der Toten.

Der Computerfachmann beteuert, er habe die Leiche in der Wohnung gefunden, habe geschockt Joints und Zigaretten geraucht, die Tote mit Jacken zugedeckt, dann habe er geschlafen und sei am nächsten Tag losgefahren. Die gebrauchten Kondome habe er früher immer hinters Bett geworfen.
Sein Verteidiger Josef Phillip Bischof weist auf viele Ungereimtheiten hin: Olga sei von "Rafik Hamza" bedroht worden. Das letzte SMS des Opfers sei zwar von ihrem Handy - aber mit einer falschen Absendernummer geschickt worden. Olga könne zu diesem Zeitpunkt schon tot gewesen sein.
Dass die Zigaretten und Kondome neben der Leiche lagen, sehe so aus, als wolle jemand gezielt auf den Angeklagten hinweisen. Und dazu kommen für Bischof unglaublich viele Ermittlungspannen. Sowohl das Bügeleisen als auch die Schere, mit der der Toten die Haare abgeschnitten wurden, sind nach der Beweisaufnahme verschwunden. Von den Zigarettenstummeln wurde pro Marke nur je einer stichprobenartig auf DNA-Spuren untersucht. Vor allem aber: Auf einem Stummel fand sich die DNA-Spur eines anderen, unbekannten Mannes. Für den Verteidiger "ein Beweis, dass noch jemand anderer in der Wohnung war" .

Von den Geschworenen entschieden vier auf Schuld, vier dagegen - was einen Freispruch bedeutet hätte. Der Richtersenat setzte das Urteil aus - der Prozess muss nun neu aufgerollt werden. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Jänner 2008)

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