Polizei räumt "Fehleinschätzung" ein

22. Jänner 2009, 18:51
114 Postings

Auch die Innenministerin musste die Behauptung, dass die tschetschenische Familie Schutz abgelehnt habe, zurücknehmen

Wien - Ali I. wirkt nicht gebrochen, traurig ja, und seine Stimme ist auch nicht gerade kräftig. Aber ein gebrochener Mensch ist Ali I. nicht, obwohl er am Donnerstag in Wien seinen ermordeten Sohn Umar begraben musste. Der Kälte trotzend mit offener Jacke verstärkte der Vater noch am Vormittag eine kleine Kundgebung auf dem Heldenplatz, bei der Russland für anhaltende Gräueltaten in Tschetschenien verantwortlich gemacht wurde. Auch der 27-jährige Umar, der seit 2004 als Flüchtling in Österreich gelebt hatte, soll dem langen Arm des pro-russischen Präsidenten Ramzan Kadyrow zum Opfer gefallen sein.

Ausgerechnet am Tag des Begräbnisses von Umar I., der am Dienstag vergangener Woche von zwei Unbekannten in Wien-Floridsdorf auf offener Straße erschossen worden war, räumte die Polizei erstmals eine "Fehleinschätzung" ein. Wie berichtet, hatte sich der Flüchtling vor allem in den vergangen Monaten bedroht gefühlt, im Sommer war sogar ein Tschetschene aufgetaucht, der angab, den Auftrag zu haben, Umar I. entweder zur Rückkehr nach Tschetschenien zu bewegen oder ihn zu liquidieren.

Doch der Polizei waren die Angaben zu vage, um Personenschutz zu gewähren. Der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl erklärte am Donnerstag, das "ex post die Prognose und das Ergebnis nicht zusammengepasst haben". Dies sei selbstverständlich sehr bedauerlich, so Pürstl weiter, aber noch kein Schuldeingeständnis. "Wir müssen jeden Tag wichtige Entscheidungen treffen und manchmal ist es so, dass man einen Sachverhalt im Nachhinein anders bewertet", erklärte der Polizeipräsident vor Journalisten.

Die Hinterbliebenen der Familie I. haben nun jedenfalls verschärften Polizeischutz erhalten. Vater Ali I., der eigentlich in Norwegen lebt, wird in Österreich auf Schritt und Tritt von mehreren Personenschützern begleitet. Auch das Begräbnis in Wien-Simmering wurde streng bewacht.

Fekter räumt Fehler ein

Einen Fehler räumte auch Innenministerin Maria Fekter (VP) ein: Ihre Behauptung vom Dienstag, dass die betroffene Flüchtlingsfamilie Polizeischutz abgelehnt habe, stimmt nicht. "Im Laufe der weiteren Ermittlungen haben sich diese Informationen in Folge anders dargestellt", erklärte Fekter der Austria Presse Agentur. Die Behauptung hatte selbst den Staatsschutz überrascht und die Ermittler unter Druck gebracht.

Politisch ist die Angelegenheit aber noch nicht ausgestanden. Peter Pilz von der Grünen stellte eine parlamentarische Anfrage, die unter anderem die Beziehung des Staatsschutzes zum russischen Geheimdienst thematisiert.

Das Verbrechen ist laut Gerhard Jarosch von der Wiener Staatsanwaltschaft der derzeit "wichtigste Kriminalfall Österreichs". Von einem der gesuchten Killer wurde ein Phantombild veröffentlicht. Außerdem werden weiterhin zweckdienliche Hinweise zu dem grünen Volvo 940 GLE, behördliches Kennzeichen P-302BD, gesucht. Der in U-Haft befindliche Besitzer des mutmaßlichen Fluchtautos bestreitet die Vorwürfe. (Michael Simoner, DER STANDARD - Printausgabe, 23. Jänner 2009)

Hinweise
Tel. (01) 31310-74033

  •  Der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl erklärte am Donnerstag, das
"ex post die Prognose und das Ergebnis nicht zusammengepasst haben".
    foto:standard/ andy urban

    Der Wiener Polizeipräsident Gerhard Pürstl erklärte am Donnerstag, das "ex post die Prognose und das Ergebnis nicht zusammengepasst haben".

Share if you care.