Wie Zeit und Raum vergehen!

22. Jänner 2009, 16:56
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Bernstein bestimmte das Leben von Aquileia und ließ eine Straße entstehen, die die Länder Europas verband. Es ist Zeit, sie wieder zu entdecken

Ich war nach neun Tagen Fußreise an Heiligabend in Aquileia eingetroffen. Eine winzige Stadt, die mehr Vergangenheit als Gegenwart ist. Eine ehemals riesige römische Metropole mit damals über 100.000 Einwohnern, viertgrößte Stadt Italiens, unter den ersten zehn des gesamten römischen Reiches. Ein enormer Umschlagplatz von Waren, Sklaven, Geld und ... Bernstein. Ich war am ersten Ziel und eigentlichen Ausgangspunkt meiner Reise angekommen.

Weihnachten in Aquileia

Weihnachtliche Mitternachtsmesse in der den Heiligen Hermagoras und Fortunatus geweihten Basilika. Vier Kirchen waren hier in den Jahrhunderten seit dem Jahr 314 übereinander gebaut worden, heute sieht man vor allem romanisch-gotische Stilelemente.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das mit 750 Quadratmetern größte frühchristliche Mosaik der westlichen Welt aus dem vierten und fünften Jahrhundert freigelegt.

Die Basilika ist voll an diesem Heiligabend, das ganze kleine Aquileia ist heute in dieser kunsthistorisch sicherlich einmaligen Kirche versammelt. Vor einem großen Freskenzyklus in der Apsis aus dem 11. Jahrhundert zelebriert der Priester die Messe und dann erzählt er die Geschichte vom kleinen Jungen, der mit seinem Vater durch die Stadt geht um Geschenke einzukaufen. Der Vater hat die Hände voll mit Taschen und Tüten voller Geschenke, da sieht er das traurige Gesicht seines Sohnes. "Ja, ist es denn immer noch nicht genug? Wir haben den Roboter, das Flugzeug und die Dinosaurierburg gekauft - was möchtest Du denn noch?" "Vater", sagt der Sohn, "gib mir Deine Hand!"

Geschichten, in Stein gelegt

Noch lange streife ich nach der Messe durch die Basilika und schaue mir die eineinhalbtausend Jahre alten Mosaiken an mit ihren Darstellungen von Fischen, symbolischen Tieren, Schäfern, Bildnissen von Wohltätern, Szenen aus dem Leben des Jonas und Heiligen.

Ich habe in Aquileia die erste Pause eingelegt. Man meint, als Wanderer käme man langsam voran - und doch ist es häufig immer noch zu schnell. Man muss stehenbleiben, um Dinge anschauen oder Menschen begegnen zu können.

Bei strahlend blauem Himmel umher streichen durch die Ruinen des alten römischen Flusshafens, die Reste römischer Häuser betrachten, den Sepolcreto. Im Museum treffe ich dann auf Statuen, Köpfe, Vasen, Urnen, Münzen und... Bernstein.

Das Harz der Bäume

Der Bernstein war bereits zu vor-römischer Zeit, in besonderem Maße aber bei den Römern, begehrtes Material für Schmuck, aber auch Heilkräfte wurden ihm zugeschrieben. So entstand eine Handelsstraße, auf der das fest gewordene Harz fossiler Bäume von der Ostseeküste bis nach Aquileia gebracht, und von wo es dann weitertransportiert wurde. Heute führt diese vergessene Straße durch zwölf europäische Länder.

Der Moment ist gekommen, sie wiederzuentdecken - das erste Land werde ich bald geschafft haben. Meine Füße haben sich erholt in Aquileia, die Beine waren wieder frisch, der Geist auch - die Weihnachtspause hatte Wunder gewirkt. Jetzt geht es auf in Richtung Slowenien! (Markus Zohner)

  • Von den Römern sind nur Ruinen geblieben - und eine alte Handelsstraße, die Europa miteinander verbindet.
    foto: markus zohner

    Von den Römern sind nur Ruinen geblieben - und eine alte Handelsstraße, die Europa miteinander verbindet.

  • Mosaike in Aquileia zeigen Tiere,
    foto: markus zohner

    Mosaike in Aquileia zeigen Tiere,

  • Heilige und ...
    foto: markus zohner

    Heilige und ...

  • ... und Fabelwesen.
    foto: markus zohner

    ... und Fabelwesen.

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