Ein Album, das zwei Meinungen verdient

22. Jänner 2009, 17:00
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Morrisseys "Years of Refusal": "Die Kunst der Zerknirschung" oder "Rockismus statt Weltschmerz"

 

Pro: Christian Schachinger

Das Leiden privilegierter weißer Männer, die eigentlich keinen existenziellen Grund zum Jammern haben: Nie wurde es formschöner und inhaltsschwerer in Songs gegossen wie von Morrissey als Sänger der damals aus dem tristen Manchester der frühen 80er-Jahre kommenden Gitarrenpopband The Smiths - und seit über 20 Jahren als Solokünstler. Als Soundtracklieferant einer ganzen Generation heute auf der sozialen Hühnerleiter langsam Richtung wirtschaftlicher Verwahrlosung rutschenden Mittelklasse der Thatcher- und später der Blair-Jahre war es dem bald 50-jährigen Sänger mit der klagenden, weichen Stimme zuletzt beschieden, mit den Alben "You Are The Quarry" und "Ringleader Of The Tormentors" ein würdiges Comeback in Angriff zu nehmen.

Nach Jahrhunderthits wie "How Soon Is Now?" mit den Smiths versuchte sich Morrissey über die Jahre zunehmend an einer rockigeren, breitbeinigeren Ausrichtung seiner ursprünglich höchstens autoaggressiven Kunst der Molltöne und der Zerknirschung. Eine Tatsache, die ihm Fans dementsprechend nur mit Zähneknirschen abkauften.

Auch die Songs des rhythmuslastigen Albums "Years Of Refusal" sind dementsprechend nach vorne ausgerichtet, wie es schon der Opener "Something Is Squeezing My Skull" unter Beweis stellt. Gitarren drängen, der Bass will auf die Autobahn, das Schlagzeug wird zur Schießbude, der Held steht unter Hochdruck. "It's Not Your Birthday Anymore", "Sorry Doesn't Help", "Black Cloud": Inhaltlich hat sich bei Morrissey wenig geändert. Das ist jene Konstante in dieser Kunst, die dem Hörer auch noch nach Jahren Bewunderung abringt. Eine ergreifende Ballade hören wir auch: "I'm Throwing My Arms Around Paris". Nichts Neues, aber hallo!

 

Kontra: Karl Fluch

Mit "I'm doing very well" eröffnet Morrissey "Years Of Refusal". Und das ist das Problem hier. Dieser Euphorie-Schub schlägt sich nämlich in einem muskelbepackten und damit auch in fast jedem Song spielenden Kraftlackel-Pop nieder, bulliger Rockismus inklusive. Etwas, dem der Brite aus Manchester bei seinem Auftauchen mit der Jahrhundert-Band The Smiths Anfang der 1980er diametral entgegenstand. Damals krankte niemand so genial an der Welt, formulierte niemand sonst präziser und lakonischer einen Weltekel, dem nicht einmal mit Gladiolen aus dem Hosentürl beizukommen war, als The Smiths. Mit der Unbeirrbarkeit der Auserwählten gingen sogar weltverbesserische Werke wie "Meat Is Murder" runter wie warmer Honig. Mehr noch: Je mehr Morrissey sich an etwas oder jemandem reiben konnte, desto besser wurde er. Seine frühen Solowerke - The Smiths trennten sich 1987 - belegten das ebenso.

Nach sieben Jahren trotziger und unglücklicher Stille kehrte er 2004 mit dem phänomenalen "You Are The Quarry" zurück, das Schwere, Zorn und Milde in göttlichen Pop goss. Dann ereilte Mozza - wie man ihn kumpelhaft nennen darf - die Liebe. Er zog nach Rom und rockte aufgeregt durch "Ringleader of the Tormentors".

Das setzte er auf "Years Of Refusal" nun fort, tritt zufrieden Türen ein, lässt die Gitarren jaulen, das Schlagzeug böllern und die Form dominanter als den Inhalt der Songs sein: Das klingt durchwegs schrecklich. Leider. Möge ihn zumindest etwas Unglück ereilen, um die Balance wieder herzustellen. Schließlich wollen wir ihn ja lieben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2009)

 

  •  "Years Of Refusal", im Handel ab 13. 2.
    foto: universal

    "Years Of Refusal", im Handel ab 13. 2.

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