Abschied von der Bush-Ära mit gemischten Gefühlen

21. Jänner 2009, 19:50
24 Postings

Warum ein Obama-Wähler - „trotz allem" - nicht bedauert, dass Bush Präsident war

Ja doch, ich habe mich schon in aller Früh unter all die Glanz- und Großäugigen im Zentrum von Washington gemengt. Natürlich war ich am Sonntagnachmittag auch auf der Mall - nicht mehr durchnässt als die anderen, aber auch nicht weniger (und mit einem seltsamen Knödel im Hals, als sie - schon komisch, wie diese Dinge funktionieren - „American Pie" spielten). Und ich habe mich am Ball der Washingtoner Black Community sogar dazu hinreißen lassen, zu den Rhythmen von DJ Biz Markie meine Fettwülste übers Tanzparkett hüpfen zu lassen.

Womit ich sagen will: Ich habe sicher nicht vor, mein Votum für Obama zu revidieren. Aber ich möchte den endgültigen Abschied von der Bush-Ära zum Anlass nehmen, zu erklären, warum ich nichtsdestotrotz froh bin, dass weder Gore 2000 noch Kerry 2004 gegen ihn gewonnen haben.
Die Frage, was passiert wäre, wenn die Demokraten im 9/11-Herbst an der Macht gewesen wären, stellen wir uns ja nie - sie scheint mir aber eine kurze Überlegung wert. Die Novellierung des Gesetzes für die Todesstrafe (Einengung der Berufungsmöglichkeiten, Anm. Red.) und das Anti-Terrorismus-Gesetz, das Bill Clinton nach dem im Vergleich zu 9/11 relativ glimpflichen Anschlag von Oklahoma durch den Kongress gepeitscht hat, gelten Justizexperten zu Recht als schlimmster Rückschlag für die Bürgerrechte. Legt man das proportionsgerecht auf die Folgejahre um, bin ich ziemlich sicher, dass „Abhören" und „Wasserfolter" noch schneller in den allgemeinen Sprachgebrauch Eingang gefunden hätten, als es dann tatsächlich der Fall war, und dass wir vielleicht sogar noch ein paar linke Rechtfertigungen mehr für diese Praktiken gehört hätten. Ich weiß nicht, ob Gore/Liebermann Guantánamo in Betrieb genommen hätten, aber das wirft zugleich die interessante Frage auf - mit der nun auch die neue Administration konfrontiert sein wird -, wo dann derart gefährliche Insassen sonst unterzubringen wären, insbesondere wenn man etwa an die empörten Reaktionen auf die so genannten Abschiebeflüge denkt.
Möglicherweise hätte man den Irakkrieg verhindert, obwohl sowohl Clinton als auch Gore mehr als einmal öffentlich erklärten, dass ein nochmaliger Waffengang gegen Saddam angesichts seiner permanenten Verstöße gegen UN-Resolutionen künftig unvermeidbar sei. Und obwohl man dann auch die Kehrseite der Nicht-Intervention benennen müsste - nämlich, dass ein Nadelöhr der Weltwirtschaft heute immer noch unter Kontrolle eines verbrecherischen Psychopathen stünde, der Experten für Massenvernichtungswaffen beschäftigt und Selbstmordattentäter finanziert.

In seinen Abschiedsinterviews war Bush nicht fähig, diesbezüglich viel zu seiner Verteidigung zu sagen, aber ich bin überzeugt, dass Historiker dereinst daraus nicht den Schluss ziehen werden, dass es für die internationale Staatengemeinschaft besser gewesen wäre, den Sturz Saddams noch weiter hinauszuzögern. (Wenn es eine wirklich gravierende Verfehlung gab, dann die, dass vorangegangene Regierungen sich dieser Verantwortung entzogen, bzw. sie ihrem Nachfolger aufgehalst haben.)

Noch einmal: Ich weiß nicht, wie irgendeine _andere Administration agiert hätte, und ich habe auch nicht die Absicht, irgendwen oder irgendwas mit diesen Zeilen zu entschuldigen. Ich habe nur den Eindruck, dass in dem gegenwärtigen Hoffnungsgetue auch ein Moment von Hybris mitschwingt, und bin langsam besorgt, wie sich der Tag „danach" anfühlen wird. (Christopher Hitchens, DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2009)

Zum Autor: Christopher Hitchens ist US-Kolumnist und schreibt unter anderem für die Zeitschrift „Vanity Fair" und das Online-Magazin „Slate".

Share if you care.