Eine leise Abrechnung mit dem Vorgänger

21. Jänner 2009, 19:06
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Obamas Rede hat zurückhaltend, aber doch deutlich einen Schlussstrich unter die Ära Bush gezogen

Es ist aus vielerlei Hinsicht eine schwierige Inaugurationsrede gewesen. Die größte Herausforderung für Barack Obama dabei war, einen deutlichen Schlussstrich unter eine bekümmernde Vergangenheit zu ziehen, ohne seinem Vorgänger George W. Bush, der nur wenige Meter entfernt vom Rednerpult vor dem Kapitol saß, zu plump auf die Zehen zu steigen.
Dem neuen Präsidenten gelang das ganz ordentlich. Er ließ keinen Zweifel daran, dass er nichts mehr mit der engen, ideologiegeprägten Weltsicht des Texaners zu tun haben wollte. Er sprach von alten Werten und einer neuen „Ära der Verantwortung": „Harte Arbeit und Aufrichtigkeit, Mut und Fair Play, Toleranz und Neugier, Loyalität und Patriotismus - diese Dinge sind alt. Diese Dinge sind wahr. Sie waren die stillen Kräfte unseres Fortschritts in der Geschichte. Was gefragt ist, ist eine Rückkehr zu diesen Wahrheiten." Auch wenn Bush das vermutlich nicht auf seine Amtszeit bezogen haben mag, klarer kann eine Distanzierung kaum ausfallen.

Obama forderte die Amerikaner auf, ihre „bessere Geschichte" zu wählen, falsche Entscheidungen der Vergangenheit im Konflikt mit den amerikanischen Idealen von Freiheit und Rechtsstaatlichkeit fallenzulassen und einzusehen, dass auch eine militärische Supermacht nicht dazu berechtigt sei, sich so zu verhalten wie es ihr eben gefällt: „Von uns wird die Erkenntnis eines jeden Amerikaners verlangt, dass wir Pflichten haben, uns selbst gegenüber, gegenüber unserer Nation und der Welt, Pflichten, die wir nicht widerwillig auf uns nehmen, sondern erfreut."

Deutlich wurde die Ablehnung der Bush-Politik auch in den Passagen über Wirtschafts- und Ökologiefragen: Obama machte die „Ära der Gier und Unverantwortlichkeit einiger" für die gegenwärtigen Probleme verantwortlich. Über die amerikanische Energieverschwendung sagte er: „Wie wir Energie nützen, macht unsere Gegner stärker und bedroht unseren Planeten." Damit war nicht nur ein deutliches Anerkenntnis der Erd_erwärmung und des Klimawandels gemeint, die von seinem Vorgänger jahrelang negiert wurden, sondern auch der Kampf um die Energieressourcen samt einem Krieg im Nahen Osten.

Wo Bush nach 9/11 noch von Kreuzzügen gegen die muslimischen Jihadisten gesprochen hatte, klang Obamas Ansprache an die islamische Kultur so: „An die muslimische Welt - wir suchen einen neuen Weg nach vorn, basierend auf gegenseitigem Interesse und gegenseitigem Respekt. An jene Führer weltweit, die Zwietracht säen wollen oder die Probleme ihrer Gesellschaft dem Westen anlasten - wisst, dass euer Volk euch danach beurteilt, was Ihr aufbauen könnt - nicht danach, was Ihr zerstören könnt." Das klang nach wehrhafter Toleranz und nicht nach jenem blindwütigen Militarismus, mit dem Bush versucht hatte, der Welt seinen Willen aufzuzwingen.

Dem lag auch die Erfahrung der Vielfältigkeit der USA zugrunde, die Obama viel mehr verkörpert als all die Texaner, die in den vergangenen acht Jahren die Topjobs der US-Regierung besetzt hielten. Obama: „Wir wissen, dass unser Patchwork-Erbe eine Stärke und keine Schwäche ist. Wir sind eine Nation von Christen und Muslimen, Juden und Hindus - und Nichtgläubigen. Wir sind geformt durch jede Sprache und Kultur aus jedem Winkel dieser Erde; und weil wir den bitteren Geschmack des Bürgerkriegs und der Teilung geschmeckt haben, können wir nicht anders als daran glauben, dass alter Hass eines Tages vorbeigeht; dass, während die Welt immer kleiner wird, unsere gemeinsame Menschlichkeit sich zeigen wird; und dass Amerika seine Rolle spielen muss, um eine neue Ära des Friedens einzuleiten." So hat George W. Bush nie von Frieden gesprochen. (Christoph Prantner, DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2009)

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