"Brauchen wir überhaupt eine Familie?"

21. Jänner 2009, 18:11
  • Suche nach den Wurzeln der Kunst: Regisseur Olivier Assayas mit seiner Darstellerin Juliette Binoche (und Clint Eastwoods Sohn Kyle, zu sehen in einem kleinen Gastauftritt)
 
Zur Person:Olivier Assayas (53) ist Regisseur und Drehbuchautor ("Irma Vep"); zuletzt drehte er mit Asia Argento den Thriller "Boarding Gate" .
 
 
    foto: filmladen

    Suche nach den Wurzeln der Kunst: Regisseur Olivier Assayas mit seiner Darstellerin Juliette Binoche (und Clint Eastwoods Sohn Kyle, zu sehen in einem kleinen Gastauftritt)

     

    Zur Person:
    Olivier Assayas (53) ist Regisseur und Drehbuchautor ("Irma Vep"); zuletzt drehte er mit Asia Argento den Thriller "Boarding Gate" .

     

     

Ein Haus voll schöner Erinnerungen: Regisseur Olivier Assayas im Interview über seinen Film "L’heure d’été"

Wien - Der französische Regisseur Olivier Assayas hat zuletzt drei internationale Produktionen gedreht. Mit L'heure d'été, einem feinfühligen Film über drei Geschwister, die sich nach dem Tod ihrer Mutter mit dem gemeinsamen Erbe auseinandersetzen - und dabei Fragen zu ihrem Verhältnis zur Vergangenheit zu klären versuchen -, kehrt er in das Umland von Paris zurück, in dem er selbst aufgewachsen ist.

Standard: M. Assayas, L'heure d'été war ursprünglich als Projekt des Musée d'Orsay kommissioniert. Der Film erzählt nun auch die Geschichte von zwei Gemälden Pierre Bonnards sowie von Objekten, die vom Familienbesitz ins Museum wandern. Was hat Sie an der Frage der Archivierung interessiert?

Assayas: Um mit der Idee eines Films über ein Museum umzugehen, musste ich zuerst mein Verhältnis zu Kunstwerken im Museum klären - und zwar so, als handelte es sich um Tiere in einem Zoo. Ich wollte herausfinden, was mit einer Kunst geschieht, die von einem Menschen und seinem Umfeld ausgeht und am Ende in einem Käfig endet, wo sie ihr spezifisches Leben verloren hat. Sie wird zu einem Teil Kunstgeschichte. Ich habe versucht, eine Entwicklung zu rekonstruieren, die diesen Weg anschaulich macht.

Standard: Die Geschwister haben dazu widersprüchliche Ansichten. Das Erbe und die Familienwerte bedeuten ihnen nicht gleich viel.

Assayas: Ja - und wir haben ihre Widersprüche in uns selbst. Mich hat jedoch die Frage nach unseren Wurzeln interessiert, nicht jene nach Werten. Letztere sind längst verschwunden. Ich frage mich, wie man sich zur Vergangenheit verhält - was sie einer neuen Generation bedeutet. Sind wir an französischer Poesie interessiert - oder an Computerspielen? Was bedeutet uns Kultur noch? Frédéric (Charles Berling) nimmt eine nostalgische Haltung ein, er will wissen, woher seine Familie kommt, und versucht ein kohärentes Geschichtsmodell aufrechtzuerhalten ...

Standard: ... Adrienne (Juliette Binoche) und Jérémie (Jérémie Renier) sind in dieser Hinsicht moderner ...

Assayas: Ja, Adrienne hat ein anderes Verständnis von Kunst. Sie hat nur zu ganz bestimmten Objekten im Haus eine Haltung entwickelt. Diese haben dafür ihre Laufbahn als Designerin mitbestimmt - ihre Zukunft liegt sozusagen in der Vergangenheit dieser Objekte. Jérémie dagegen ist aus einer anderen Zeit, er ist jünger und interessiert sich für diese Fragen des Aufbewahrens nicht. Für ihn sind das Zeichen der Krankheit einer alten Welt.

Standard: Ist seine Haltung nicht für die Mehrheit einer jüngeren Generation, die immer internationaler agiert, repräsentativ - während Frédérics Sicht anachronistisch ist?

Assayas: Frédérics Auffassung ist wohl obsolet. Aber er versucht einen Schwerpunkt für die Familie zu finden. Was wird sie davon abhalten, sich voneinander zu entfremden? Brauchen wir überhaupt eine Familie? Sind wir nicht atomisierte Individuen, die die Welt als Spielplatz für unserem Individualismen betrachten? Wenn ja: fein. Wenn nicht: Dann benötigen wir einen Platz, ein Haus. Natürlich kann man die Bonnards in Geld verwandeln, aber es geht nicht ums Geld, sondern um das, was die Geschwister miteinander verbindet.

Standard: Der Film ist aus vier längeren Abschnitten konstruiert, dazwischen sind Ellipsen. Das erinnert an Ihren Film Fin d'aout, début septembre - mit Absicht?

Assayas: Ja, absolut. Es gibt große Ähnlichkeiten. In beiden Filmen geht es auch um die Präsenz der Toten. Darum, wie die Wirkkraft eines Künstlers langsam verblasst. Den zentralen Maler, Bonnard, sieht man ja nie, sondern nur Menschen, die seine Orte bewohnen. Solange die Umgebung lebt, so lange ist auch etwas von ihm am Leben. An der Wand eines Museums wird er jedoch zu einem ganz anderen Künstler. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.1.2009)

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3 Postings
dieser film ist großartig! wunderbar! fantastisch!

das thema der verloren gehenden kultur/vergangenheit/identität ist sehr heutig und wichtig.
assayas ist ein unglaublich toller regisseur und mensch. durfte ihn im filmmuseum vor einigen wochen erleben. unheimlich sympathisch, weise und einfach süß!
danke für diesen tollen film!

leiderleider

der schlechteste Film, den ich seit Langem gesehen habe.
Ach, wohin ist doch mein einst so geliebter französischer Film hin versunken?

ganz im gegenteil!

meiner meinung nach einer der schönsten filme des vergangenen jahres!!! selten einen so tief gehenden, ruhigen film mit so viel gültigkeit gesehen!

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