"Der sichere Hafen ist winzig klein"

21. Jänner 2009, 16:56
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Im Schatten der Krise verlor auch Gold ein wenig an Glanz. Ob nun eine gute Zeit für ein Goldinvestment ist, darüber gehen die Meinungen auseinander

Wien - Gold gilt als "sicherer Hafen". Die alte Anlegerweisheit verlor auch in Zeiten vieler außer Kraft gesetzter Regeln nicht ganz ihre Gültigkeit. Besonders glänzend sah es im Frühling letzten Jahres für Investoren in das gelbe Metall aus. Der Preis für eine Feinunze Gold erzielte am 17. März mit 1023,50 Dollar (722 Euro) sein Rekordhoch. Zu diesem Zeitpunkt zog die Krise schon Kreise. Der US-Immobilienmarkt begann schon 2007 zu bröckeln - in den USA häuften sich die Zahlungsausfälle, denn die US-Zinsen stiegen, und die Immobilienpreise sanken. Die sattsam bekannte Spirale: Baufinanzierer und Banken gerieten in Turbulenzen. Im Herbst 2008 war die Krise schon lange eine Finanzkrise. Schlag auf Schlag drängte es weltweit Finanzhäuser an den Rand des Abgrundes - manche stürzen ab. Fannie Mae, Freddie Mac und der Versicherungsriese AIG wurden vom Staat gerettet. Das Traditionshaus Lehman Brothers ging im September 2008 Pleite. Das Edelmetall Gold verlor ebenso an Glanz wie die meisten anderen „Investmentstorys" auch.

Goldpreis im Sog

Investoren stürmten weltweit in Scharen zum Notausgang, als der anfängliche Ausfall von schlecht besicherten Hypotheken zu einer globalen Wirtschaftskrise mutierte. Auch der Gold- Preis konnte sich diesem Sog nicht entziehen. Ende Oktober sackte er mit 692,50 Dollar auf sein Jahrestief - ein Minus von 32 Prozent. Erste-Goldanalyst Ronald Stöferle macht verschiedene Faktoren für die Preisbildung geltend: „Was den Preisverfall in Dollar betrifft, so hat das mit dem Deleveraging (Investoren hatten damals weltweit auf Grund der Unsicherheit an den Märkten, ihre sehr oft mittels Krediten in japanischem Yen, Schweizer Franken und USD finanzierten Rohstoff-, Zins- und Aktienengagements reduziert und ihre Fremdwährungskredite zurückbezahlt, Anm. d. Red.) zu tun und dem Shortselling-Verbot (im September 2008 Anm. der Red.)" so Stöferle.

Für Freunde „echter Werte" ergab sich offenbar gleichzeitig eine gute Gelegenheit zu investieren und ein paar Münzen oder Barren zu erwerben. Vermutlich mit der Hoffnung im Hinterkopf, dass der Goldpreis bald wieder steigt und Gold zuletzt immer irgendwie seinen Wert behält. Im physischen Bereich gab es im Herbst massive Engpässe und mehrmonatige Lieferverzögerungen, „und es waren hohe Prämien von 20 bis 30 Prozent zu bezahlen", denkt Stöferle zurück. Goldbarren waren zu dieser Zeit bei vielen Banken, Münz- und Edelmetallhändlern nur noch mit mehrwöchigen Wartezeiten erhältlich. Die Österreichische Gold- und Silberscheideanstalt (Ögussa) reagierte darauf mit Verzehnfachung der Barrenproduktion. In Sonderschichten wurden zehnmal so viele Barren produziert wie im Jahr davor. Ronald Stöferle verweist auf eine große Diskrepanz zwischen physischem Markt und Papiergoldmarkt: „Der Derivatemarkt in Gold ist um den Faktor 200 gegenüber tatsächlichem physischen Gold aufgeblasen."

Schmuck ist weniger nachgefragt

Das Jahr neigte sich dem Ende zu - aus der Immobilienkrise, die zur Finanzmarktkrise mutierte, wurde bis dahin unverkennbar eine Wirtschaftskrise. Die weltweite Konsumschwäche machte sich bemerkbar und damit die gefallene Schmucknachfrage im vierten Quartal in Indien. Dieser Bereich sei zu zwei Dritteln für die Nachfrage verantwortlich ergänzt Rohstoffexperte Ulrich Baumann von Volksbank Invest : „Alleine in Indien ist im Dezember - und das in der Hochzeitssaison - der Goldimport auf drei Tonnen gesunken. Im Dezember 2007 lag er noch bei 16 Tonnen." „Die Schmuckindustrie verzeichnete insgesamt Marktanteilsverluste in Westeuropa und den USA, aber Zugewinne in den Emerging-Markets" fügt BA-CA-Edelmetall-Experte Alfred Grusch hinzu: „In den USA wird jetzt niedrigkarätiger Schmuck verkauft, weil man sich den hochkarätigen nicht mehr leisten will oder kann." Dem Star in Europa, der italienischen Schmuckindustrie - habe die Türkei oder der arabische Raum bereits den Rang abgelaufen. Was die Schmucknachfrage kompensierte - so Goldanalyst Stöferle - sei die Investorennachfrage.

Bis Jahresende konnte sich Gold wieder auf 881 Dollar erholen - gegenüber dem Jahresbeginn immerhin ein leichtes Plus von 5,3 Prozent. Avancierte Gold also trotz oder auch Dank zunehmender Krisenstimmung und immer neuer Verlustmeldungen zur Krisenwährung? „Wer sich den Preis in Dollar anschaut, sieht einen Preisverfall", so Stöferle. „In anderen Währungen wie Schweizer Franken, indischen Rupien, kanadischem Dollar und insbesondere Euro sind wir noch nahe dem Allzeithoch. Der sichere Hafen ist winzig klein." So gesehen habe sich Gold verglichen mit anderen Commodities aber auch sämtlichen anderen Anlageklassen extrem gut behaupten können, sagt Stöferle: „Immerhin gab es das achte Mal in Folge eine positive Jahresperformance."

Blick in die Zukunft

Was nun den Ausblick betrifft, gehen die Meinungen recht weit auseinander. Ronald Stöferle ist offenbar zuversichtlich, dass schon bald wieder fundamentale Bewertungskriterien zählen: Die Goldnachfrage im physischen Bereich erreichte im dritten Quartal ein Plus von 18 Prozent. Dem gegenüber stünde ein Produktionsminus von neun Prozent: „Es steht eine stark steigende Nachfrage einer niedrigeren Produktion gegenüber." Dieser Trend sei seit mehreren Jahren zu beobachten und werde in den nächsten Jahren Bestand haben. Für Ende Juni sieht er ein grobes Kursziel von 1.200 Dollar. „Fundamental wird Gold ein wichtiger Bestandteil in der Assetallokation bleiben" glaubt auch Volksbank-Experte Baumann: „Die Regierungen in den USA und Europa verschulden sich zunehmend und sobald die Nachfrage an neuen Staatanleihen abnimmt, bleibt nur mehr die Papiergelddruckmaschine als Lösung." Die Tendenz werde 2009 weltweit deflationär sein, worunter alle Assetklassen leiden würden, so Baumann: „Jedoch rechne ich mit weiterer Dollarschwäche und einer inflationären Tendenz ab 2010, sodass Gold auch 2009 eine relative Outperformance gegenüber vielen Anlagen bringen wird."

Um einiges pessimistischer ist Erste-Sparinvest-Fondsmanager Hans Leitner, Fondsmanager. „Aus meiner Sicht wird der Goldpreis in den nächsten sechs Monaten stark einbrechen und auf ein Niveau von etwa 400 US-Dollar fallen. Für eine Veranlagung in Gold gibt es von ihm dieser Tage keine Empfehlung: „Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Momentan steht Kapitalerhalt im Vordergrund, das heißt, es ist besser, in erstklassige österreichische Bundesanleihen zu investieren." (Regina Bruckner)

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