Banken brauchen weitere Milliarden an Staatshilfen

21. Jänner 2009, 21:23
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Nach Großbritannien stellt auch Belgien ein zweites Bankenpaket bereit. Die Citigroup soll komplett verstaatlicht werden

Massive Kursverluste europäischer Banken-Aktien haben am Donnerstag Rufe nach weiteren Milliarden-Rettungspaketen und Verstaatlichungen laut werden lassen. Nach der britischen hat die belgische Regierung ein zweites Hilfspaket für angeschlagene Geldhäuser in Vorbereitung. Ehe der Staat den Geldhahn aufdreht - 20 Milliarden Euro waren bereits im Herbst in Bankkonzerne wie Fortis gepumpt worden -, will die Regierung in Brüssel allerdings alle Finanzinstitute durchleuchten.

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London/Berlin - Vor dem Hintergrund fallender Aktienkurse mehren sich in London die Stimmen, die eine Verstaatlichung großer Geschäftsbanken befürworten. Die erst am Montag durch Premierminister Gordon Brown und Schatzkanzler Alistair Darling verkündete staatliche Garantie für den Kredit-Giftmüll privater Institute hat bisher nicht für die erhoffte Stabilisierung gesorgt. Die bereits zu 70 Prozent in Staatsbesitz befindliche Royal Bank of Scotland (RBS) verlor seit Montag zwei Drittel ihres Börsenwertes, konnte am Mittwoch aber 21 Prozent aufholen.
Auch die Lloyds-Gruppe, die am Montag aus der Zwangsübernahme der größten Hypothekenkasse HBOS durch Lloyds TSB hervorgegangen ist, verzeichnete heftige Einbußen und war am Mittwoch nur noch die Hälfte wert (39 Pence). Das neue Institut gehört bisher zu 43 Prozent dem Staat.

Da die Aktienmärkte das Vertrauen in Lloyds und RBS verloren haben, „sollten wir rasch handeln und beide rasch nationalisieren", schrieb der einflussreiche Vorsitzende des Finanz-Ausschusses im Unterhaus, John McFall, in einem Artikel der Financial Times. Der Schotte gilt als enger Vertrauter seiner Landsleute Brown und Darling. Im Unterhaus plädierte auch der Chef der größten Oppositionspartei, Nick Clegg, für die „Verstaatlichung unserer Banken", ohne Namen zu nennen.
Einen weiteren Verlust von zehn Prozent verbuchten am Mittwoch auch Barclays-Aktie. Die drittgrößte britische Bank hat sich bisher aller angebotener Staatshilfe verweigert und stattdessen eine Kapitalspritze von sieben Milliarden Pfund (7,4 Mrd. Euro) von Staatsfonds am Persischen Golf in Anspruch genommen.

Ein Fass ohne Boden

In Deutschland wird der Finanzbedarf der Hypo Real Estate (HRE) indes zum Fass ohne Boden. Der schwer angeschlagene Immobilienfinanzierer braucht neue Mittel aus dem staatlichen Banken-Rettungsfonds. Sie wurden um zwölf auf 42 Mrd. Euro aufgestockt. Damit kann die Bank Gelder zurückzahlen, die bis Mitte Juni fällig werden. Schon im Herbst hatten einige Banken und der Staat der HRE mit 50 Milliarden unter die Arme gegriffen, weil das Institut durch einen Liquiditätsengpass der irischen Tochter Depfa in Not geraten war. Somit summiert sich die Hilfe mittlerweile auf 92 Milliarden Euro. Derart viel Bedarf hat keine andere deutsche Bank.
Wirtschaftsminister Michael Glos rechnet auch nicht damit, dass die HRE bald wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Sie werde einen „langen Atem" brauchen, um die Verluste auszugleichen, meint er und erklärt: „Deswegen fürchte ich, dass es ein längeres staatliches Engagement ob mit oder ohne Beteiligung der Hypo Real Estate geben muss."
Die genossenschaftliche deutsche DZ Bank überlegt derweil, ob sie ebenfalls staatliche Milliardenhilfen in Anspruch nimmt. Die DZ Bank hält in Österreich die Sperrminorität an der Volksbank AG.

Keine „Bad Bank"

Glos ist wie der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück gegen eine „Bad Bank", bei der Finanzinstitute ihre faulen Kredite entsorgen könnten. Eine solche bräuchte nach Steinbrücks Berechnungen bis zu 200 Mrd. Euro Kapital.

Der Chef des deutschen Bankenfonds, Günther Merl, hat indes überraschend seinen Rücktritt erklärt. Merl werde aus persönlichen Gründen am 31. Jänner ausscheiden, heißt es. Der ehemalige Chef der Hessischen Landesbank hatte sein Amt mit der Einrichtung des Fonds im Oktober angetreten. Das Manager-Magazin berichtete, Hintergrund des Rücktritts seien unterschiedliche Auffassungen über die Führung des Fonds.
Nach Großbritannien plant auch die belgische Regierung ein zweites Rettungspaket für die angeschlagenen Geldhäuser. Eine Expertengruppe solle die Optionen prüfen, sagte Finanzminister Didier Reynders. Die Regierung wolle alle Banken überprüfen und dann neue Maßnahmen auflegen. Reynders hatte tags zuvor gesagt, der Staat habe bereits 20 Mrd. Euro in die Banken gepumpt. Wie viel es in der zweiten Runde sein werde, könne er nicht sagen. Auch Frankreich stellte seinen Banken weitere Staatshilfen in der Höhe von bis zu 10,5 Mrd. Euro in Aussicht.

Citi vor Totalverstaatlichung

Die Finanzkrise spitzt sich auch in den USA immer mehr zu. Der Einstieg des Staats bei besonders schwer angeschlagenen Instituten werde geprüft, heißt es. Für den notleidenden Finanzkonzern Citigroup soll bereits über eine komplette Verstaatlichung nachgedacht werden. Diskutiert wird in den USA nach wie vor das Modell einer „Bad Bank", die den Banken ihre faulen Kredite abnimmt.
In Österreich hat sich die seit Jahresbeginn in Staatsbesitz befindliche Kommunalkredit über eine Anleihe 1,5 Mrd. Euro geholt. Die staatsgarantierte Anleihe sei binnen zweier Stunden 1,8-fach überzeichnet gewesen, teilte das Institut mit. Vor allem institutionellen Investoren in Europa und Asien haben die Anleihe gezeichnet, heißt es. (sbo, bau, bpf, DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2009)

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    Die Hypo Real Estate braucht immer mehr Geld vom Staat, um ihr Geschäft aufrechtzuerhalten. Experten bezeichnen das Institut bereits als ein "Fass ohne Boden".

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