Obama muss kein Messias sein

20. Jänner 2009, 21:24
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Es reicht, wenn der Präsident einen neuen Aufbruch in den Köpfen zustande bringt

Kann Barack Obama die hohen Erwartungen in seine Präsidentschaft erfüllen? Keine Frage wurde nach der Wahl öfter gestellt - und keine Frage hat sich in den Wochen nach dem 4. November 2008 so gründlich überholt. Das, was einigermaßen vage mit "Erwartungen" umschrieben ist, hat sich geändert, weil sich die allgemeine Lage geändert hat und auch die Menschen, die diese Erwartungshaltungen (gehabt) haben mögen. Die Erwartungen von damals sind nicht mehr die Erwartungen von heute.

Das erkennbare Ausmaß der Weltwirtschaftskrise ist ein anderes als noch vor zehn Wochen - für alle, nicht nur den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn Wirtschaftsforscher jetzt von einer jahrelang andauernden Rezession in den USA sprechen und eine deutliche Erholung erst 2014 oder 2016 sehen, dann übertrifft das die schlimmsten Befürchtungen, die noch vor wenigen Wochen sorgenvoll geäußert wurden. Welche "Erwartungen" sollte ein US-Präsident in einer solchen Lage denn erfüllen?

Obama wird tun, was er kann. Er wird beim Budgetdefizit bis ans äußerste Limit gehen, die Wirtschaft, wo es nur geht, mit Stimuluspaketen anschieben. Aber er kann nicht zaubern. Und das fordern die Bürger auch nicht von ihm. Zuletzt haben ihm fast 80 Prozent der Amerikaner in einer Umfrage der New York Times nicht nur das Vertrauen ausgesprochen, sie wollten auch geduldig sein mit Obama. Wenn es sein muss, jahrelang. Denn nach der Wahl hat sich in den USA- auch durch die zurückhaltenden Wortmeldungen des Wahlsiegers - viel Ernüchterung eingestellt. Mokieren sich viele in Europa noch über die vorgeblich messianischen Ansprüche der Amerikaner, haben diese längst eingesehen, dass Obama kein Polit-Erlöser sein kann. In den USA ist die Krise bereits ein Sturm, in Europa spüren die Menschen davon vorerst nur ein laues Lüfterl - das Sein bestimmt das politische Bewusstsein.

Dass Obama keinen "Masterplan" zur Bewältigung der Krise habe, wie der Ökonom Jeremy Rifkin zuletzt im Interview mit dem Standard erklärte, mag stimmen. Die Frage allerdings ist, ob der Präsident denn überhaupt einen braucht. Wenn es denn stimmt, dass die Psychologie eine der wichtigsten Ursachen der Krise ist, dann kann auch ein Obama ohne Masterplan der richtige Präsident für diese schwierigen Zeiten sein. Ronald Reagan hat den geknickten Amerikanern in den 1980er-Jahren schon einmal Optimismus eingeimpft, und wer wäre heute besser dazu geeignet, als der versierte Massenpsychologe und Cheerleader der Hoffnung Barack Obama?

Franklin Delano Roosevelt ist 1933 zum Präsidenten gewählt worden. Da litt die Welt schon jahrelang an der Wirtschaftskrise. Ein guter Teil seines "New Deal" gegen die Große Depression waren Maßnahmen, die bereits angelaufen waren. Roosevelt veränderte bloß die politische Verpackung und signalisierte den Menschen einen neuen Aufbruch. Obwohl der noch Jahre auf sich warten ließ und letztlich erst die Kriegswirtschaft für Hochkonjunktur sorgte, gilt FDR heute als einer der größten Präsidenten der USA.

In einem ähnlichen Ansatz hat Obama in seiner Inaugurationsrede von der Wahl der "Hoffnung über die Furcht" und von der "Erneuerung Amerikas" gesprochen. Er beschrieb Tatmenschen, Verwegene, die die Vereinigten Staaten schon einmal groß gemacht haben und stellte selbstbewusst den Führungsanspruch der USA in der Welt.

"Yes we can" war gestern, "Yes we do" ist heute. Wenn es der 44. Präsident der USA damit tatsächlich schafft, den verdatterten Amerikanern wieder zu ihrem legendären Pioniergeist zu verhelfen, hat er - Erwartungen hin oder her - Großes geleistet. (Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2009)

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