"Schlechte Tage für Aktivisten"

20. Jänner 2009, 19:06
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Die Bedeutung der Friedensbewegung ist nach dem Krieg im Gazastreifen auf einem Tiefpunkt angelangt

Und doch wollen innovative Projekte Israelis und Palästinenser vernetzen.

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Die Internetseite Frames of Reality ist ein guter Beweis dafür, dass Völkerverständigung nicht freundlich ablaufen muss. Im Gegenteil. Mit der Webseite haben sich israelische und einige palästinensische Fotojournalisten eine Plattform geschaffen, über die sie selbst in Kriegszeiten in Verbindung bleiben können. Neben den hochgeladenen Bildern - einige von ihnen kommen von Journalisten, die im Gazastreifen leben - finden zahlreiche Online-Diskussionen zum Krieg statt. Israelis gegen Palästinenser, Israelis gegen Israelis: Zum Teil werden wüste Beschimpfungen ausgetauscht, man beschuldigt sich gegenseitig des Terrorismus, der Kriegstreiberei.

Aber immerhin: Es wird diskutiert, niemand bricht den Dialog ab. Es scheint das Beste zu sein, was das Friedenslager nach drei Wochen Gazakrieg zustandebringt.

Das Friedenslager auf beiden Seiten ist mit dem Krieg noch mehr zu einem Minderheitenprogramm als sonst geworden, sagen israelische NGO-Vertreter. "Schlechte Tage für Aktivisten", wie Yizhar Beer, Direktor der israelischen NGO Keshev, trocken kommentiert: "Wie immer in Kriegszeiten, versucht jede Seite, die Gegner so wenig wie möglich als Menschen zu betrachten."

Und doch gibt es sie, die Beispiele für israelisch-palästinensische Zusammenarbeit. Neben bekannten Organisation wie Peace Now und B'tselem finden sich neue Projekte mit innovativem Charakter vor allem im Internet.

Bitterlemons.org vernetzt mit finanzieller Unterstützung der EU israelische und palästinensische Intellektuelle. Auf der Seite finden sich Beiträge zu Politik und Krieg. Aber welchen Sinn haben diese Aktivitäten, wenn sie doch keine gesamtgesellschaftliche Relevanz haben? Nach dem Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000 habe vor allem Israel damit begonnen, sich in ein "Informations-Ghetto" zurückzuziehen, sagt Ghassan Khatib, ehemals palästinensischer Minister und heute Mitbetreiber von bitterlemons.org. Dagegen gelte es anzukämpfen.

Weil für Zivilisten der Zugang nur zu Siedlungen möglich ist, hätten Israelis kaum Kontakt mit Palästinensern aus dem Westjordanland und aus dem Gazastreifen. "Auch deswegen hat es die Kriegspropaganda auf beiden Seiten so leicht, die anderen verzerrt darzustellen", meint Khatib. Um der Propaganda entgegenzutreten, bietet bitterlemons.org direkten Zugang zu Sichtweise der "anderen Seite".

Yizhar Beer sieht die zentrale Rolle von Friedensorganisationen dagegen derzeit nicht darin, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Durch konkrete Hilfestellungen, etwa mit Videokameras "bewaffnete" Aktivisten, können vereinzelte Menschenrechtsverletzungen aufgedeckt werden. Darin seien Gruppen wie B'tselem erfolgreich, sagt Beer.

Ein gängiges Erzählmuster, mit dem schließlich versucht wird, das Friedenslager ins Abseits zu drängen, ist die Behauptung, nur Falken könnten Frieden schaffen. "Es ist doch gerade der Gazakrieg, der beweist, dass das falsch ist", sagt Khatib. Der Falke Sharon hatte 2005 den Abzug aus dem Gazastreifen ohne Abkommen mit den Palästinensern durchgezogen. Das Ergebnis ist bekannt, der Küstenstreifen blieb isoliert, die radikale Hamas gewann Oberhand. Und in der Amtszeit des rechtsgerichteten Premiers Benjamin Netanyahu (1996 bis 1999) endete die in Oslo begonnene Entspannung im Nahen Osten.

"Die Welt ist ein teuflischer Ort", kommentiert ein israelischer Fotograf die Bildergalerie eines palästinensischen Kollegen aus Gaza auf Frames of Reality. "Uns bleibt nichts anderes übrig als zu versuchen, unseren Stimmen auf beiden Seiten Gehör zu verschaffen." Zumindest dieses Posting blieb unwidersprochen. (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2009)

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