Das Signal zum Sammeln

20. Jänner 2009, 18:53
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In Washington und bei TV-Live-Übertragungen: Millionen nahmen an den Feierlichkeiten für den neuen US-Präsidenten teil - eine Reportage

Obama hielt eine kämpferische Rede und schwor seine Landsleute auf die Krisenbewältigung ein.

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Es ist früh um fünf, das Kapitol ist hell angeleuchtet, wie eine illuminierte Hochzeitstorte ragt seine Kuppel aus der pechschwarzen Nacht. Für Russell Michael beginnt die Freiwilligenschicht. Stundenlang wird er Tickets kontrollieren. An der Independence Avenue, wo er vor der Lücke eines Gitterzauns wacht, pfeift ein eiskalter Wind. Und Russell Michael sagt: "Ich bin froh, dass ich hier sein darf. Wann erlebt man schon so eine Zeitenwende?"

"Du weißt nie, was noch kommt", sagt er über Barack Obama. "All die Vorschusslorbeeren, all die Vergleiche mit Abraham Lincoln, wie soll ein Mensch dem allem gerecht werden." Aber für Nachdenkliches ist morgen noch Zeit. Heute gilt es, das zu feiern, was Russell Michael die Größe des Augenblicks nennt. Der 55-jährige Flugtechnikberater mit dem bereits schlohweißen Haar meint weniger den Pomp des Amtseids. Er meint dieses schöne Gefühl, dass Amerika sich wieder auf seine Stärken besinnt, auf seinen Idealismus, seine Talente. So ähnlich war es, als er noch zur Schule ging. John F. Kennedy gründete das Peace Corps, um Helfer nach Afrika zu schicken, und auf den Sputnikschock reagierte der jung-dynamische Präsident mit dem Versprechen, Astronauten auf dem Mond landen zu lassen.

Ein Ruck wie bei JFK

Dem folgten Jahrzehnte der Spaltung, Streit wegen Vietnam, wegen Irak, Demokraten und Republikaner befehdeten einander - so sieht es Russell Michael. Heute, glaubt er, "kann Obama uns wieder zusammenbringen." Derselbe Ruck, derselbe Gemeinsinn wie bei JFK - "da musst du einfach mitmachen".

Bevor sie mitmachen konnten, standen Russell und seine Frau Alison vor einem kleinen Problem. Die beiden wohnen drüben in Virginia, durch den Potomac von der Hauptstadt getrennt. Die Brücken über den Fluss sind zurzeit für Autos gesperrt, es dauert ewig, um sie zu passieren. Um dennoch in aller Herrgottsfrühe auf Posten zu sein, mieteten die Michaels ein Domizil in Capitol Hill, sechs Häuserblocks hinterm Kapitol. Drei Tage lang, 400 Dollar pro Tag. Sie zahlen es aus der eigenen Tasche.

Als die Sonne aufgeht, drängt sich bereits ein dichter Menschenpulk auf der National Mall. Viele mit dunkler Haut, viele haben sich die Kapuzen ihrer Anoraks tief ins Gesicht gezogen, viele stehen auf gebündelten Zeitungen. Zeitungspapier, auf den Rasen gelegt, soll die Füße warm halten.

Nancy Lacombe ist da, mit dem Auto angereist aus dem texanischen Houston. Sie plante ihre Fahrt so, dass es eine große Erinnerungstour wurde. Erst ging es nach New Orleans, wo ihr Haus stand, bevor es dem Hurrikan Katrina zum Opfer fiel. Dann nach Selma, wo blindwütige Polizisten friedliche Bürgerrechtler niederknüppelten, um einen Marsch in die Stadt Montgomery aufzulösen, 1965. Von dort nach Atlanta, wo Martin Luther King predigte, schließlich nach Washington.

Drei Tage dauerte die Reise. Als sie losfuhr, wusste Nancy Lacombe noch nicht, wo sie schlafen würde. Dann meldete sich jemand auf ihre Annonce: Sie hatte angeboten, jedem, der ihr Quartier anbietet, die Mahlzeiten zu kochen. Es klappte. "Ich musste hier sein" , sagt sie und deutet auf Jason, ihren ältesten Sohn. "Ich war die Generation nach Martin Luther King. Der Junge hier, das ist die Generation Barack Obamas. Der kann es seinen Enkeln erzählen."

An King, den Wegbereiter, erinnert auch Rick Warren, der Pfarrer einer kalifornischen Megakirche, der das offizielle Gebet der Zeremonie spricht. Sein Auftritt ist umstritten, am Rande gibt es Demonstrationen, weil Warren schwule Partnerschaften verdammt. Oben auf der Tribüne beschwört er die "unvergleichlichen" Möglichkeiten Amerikas.

Chesley Sullenberger, der gefeierte Pilot, der "Held vom Hudson" , sitzt auf der Tribüne. Dick Cheney, der scheidende Vize, lässt sich im Rollstuhl schieben. Er hat sich beim Kistenpacken verhoben. Und George W. Bush? Der trägt ein bubenhaftes Grinsen, als er die Treppe hinuntersteigt zu den Ehrenplätzen hinter Panzerglas.

Dann Obama, der so locker wirkt, als wäre er gar nicht die Hauptperson. In dem Moment, in dem er auf der Westseite des Parlaments seinen Eid leistet, kurz nach zwölf Uhr mittags, stehen drei Kilometer entfernt die Möbelwagen vorm Weißen Haus. Vier bis fünf Stunden dauert es, das Inventar der Bushs ein- und das der Obamas auszupacken.

"Ich, Barack Hussein Obama", fängt der neue Präsident an und benutzt ausdrücklich den Mittelnamen, der an seine muslimischen Vorfahren erinnert. "... gelobe feierlich" , fährt er fort. Dann verhaspelt sich John Roberts, der oberste Richter, was ahnen lässt, welcher Druck auf den Akteuren lastet. Roberts platziert das Wort "pflichtgetreu" falsch: "dass ich das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten pflichtgetreu ...". Das Wort muss weiter vorn stehen, vor Amt und Präsident. Roberts korrigiert seinen Fehler, allerdings stotternd: "pflichtgetreu ... des Präsidenten ... des Amtes des Präsidenten ..."

"Mein Gott, es ist vorbei"

Obama lächelt, seine linke Hand ruht auf der Bibel des Sklavenbefreiers Abraham Lincoln, die gehalten wird von seiner Gattin Michelle. Danach hält er seine Rede an die Nation, eine Ruckrede, ein "Signal zum Sammeln", wie Russell Michael ihre Wirkung beschreibt. Zum Schluss knattert ein Hubschrauber über die imposante Kulisse hinweg, der Helikopter, der Bush ins Privatleben fliegt. Unten bricht Jubel aus. Einige rufen, protokollarisch falsch, dafür befreit und grundehrlich: "My God, it's over - Mein Gott, es ist vorbei". (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2009)

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    Drei Kilometer Obama-Fans: Dicht an dicht standen mehr als eine Million Menschen auf der National Mall in Washington zwischen Kapitol und Lincoln Memorial.

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