"Dann lieber nicht schießen"

20. Jänner 2009, 18:46
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Die Staatengemeinschaft muss die afghanische Bevölkerung für sich gewinnen, sagt Princeton-Professor Danspeckgruber im STANDARD-Interview

Mit der angekündigten Truppenaufstockung sei es nicht getan, sagte er zu Julia Raabe.

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Standard: Obama hat Afghanistan zur Priorität erklärt. Was werden die markantesten Änderungen in der Strategie sein?

Danspeckgruber: Wir haben vier Krisensituationen in der Gegend: Es ist ein Schlüsseljahr für Afghanistan wegen der Präsidentenwahlen in diesem Jahr und der Parlamentswahlen 2010. Nicht zuletzt durch die Mumbai-Terrorattacken ist das Problem Indien/Pakistan wieder sehr hochgekommen. Die Krisen in den USA/Iran-Beziehungen haben Auswirkungen auf die Stabilität in Afghanistan. Und viertens die generelle Verschlechterung der Empfindung bezüglich Sicherheit und Regierungsführung. Das hängt alles zusammen. Deshalb ist es sehr schwierig, eine Gesamtstrategie zu entwickeln - und noch schwieriger, diese auch umzusetzen.

Standard: Was also müsste die Strategie umfassen?

Danspeckgruber: Eines ist die Verstärkung der Streitkräfte um bis zu 30.000. Zweitens müssen wir eine umfangreiche Strategie entwickeln, damit die Wahlen irgendwo akzeptabel sind für die Afghanen. Das ist für mich ein Hauptpunkt: By the Afghans, with the Afghans, for the Afghans and Afghanistan. Es ist ganz wichtig, dass die Afghanen das Gefühl haben, sie agieren in Eigenverantwortlichkeit. Nicht, dass sie das Gefühl haben, dass sich die Staatengemeinschaft wie eine neo-koloniale Macht verhält.

Standard: Erschwert dann nicht die Tatsache, dass neue Truppen geschickt werden, dieses Ziel?

Danspeckgruber: Völlig richtig. Man kann diese 30.000 neuen Truppen nur hineinschicken, wenn man gleichzeitig mit den Afghanen eine Strategie entwickelt, um zu erklären, warum die neuen Soldaten kommen. Die Bevölkerung als solche will ja die Taliban nicht. Ich glaube, dass Präsident Obama die richtigen Leute hat, die sich darüber im Klaren sind.

Standard: Präsident Karzais Bruder soll in Drogengeschäfte verwickelt sein, Nato-Chef de Hoop Scheffer sieht das Hauptproblem in schlechter Regierungsführung. Ist Karzai noch glaubwürdig?

Danspeckgruber: Sicherlich gibt es da wirkliche Schwächen. Die internationale Gemeinschaft hat allerdings durch den Irakkrieg viele zugesagten Mittel nicht nach Afghanistan vergeben. Milliarden sind in Afghanistan nie angekommen. Viel internationale Hilfe wurde nicht durch die afghanische Regierung ausgehändigt, sondern direkt durch die Staatengemeinschaft. Aus Public-Relations-Sicht hat Karzai also keine Wertschätzung dafür erhalten. Aber das soll eine möglichst glaubwürdige Wahl entscheiden. Ich bevorzuge es, die Wahl zu verschieben, bevor es eine schlechte Wahl ist, bei der die Leute das Ergebnis nicht akzeptieren. Dann hätten wir totales Chaos. Wir müssen auch sofort aufhören, zivile Opfer in Kauf zu nehmen. Das ist eine Katastrophe. Dann lieber nicht schießen.

Standard: Müssen sich die Europäer mit der Amtseinführung darauf gefasst machen, bald mehr Truppen nach Afghanistan zu schicken?

Danspeckgruber: Nicht notwendigerweise Truppen. Aber wir müssen uns mehr einbringen. Das können auch kleine Sachen sein, Transfer von Wissen. Ich kann nur sagen: Wir können es uns nicht leisten, Afghanistan zu verlieren.

Standard: Im Gegensatz zu Afghanistan will Obama aus dem Irak abziehen. Viele befürchten dann genau so ein Chaos.

Danspeckgruber: Ich verstehe, dass er das sagt, weil in den USA da ein enormer Druck herrscht. Aber es muss Teil einer ausgewogenen nationalen Strategie sein, die auch ein ausgeklügeltes regionales Konzept nötig macht. Ich fürchte, man kann die Präsenz im Irak nur reduzieren, wenn man in irgendeiner Weise einen kleinen Handel mit dem Iran macht. Wir brauchen einen neuen Modus vivendi mit dem Iran, der gefunden werden kann, wenn man beginnt, Kontakt zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten zu etablieren.

Standard: Obama hat sich ja schon zu direkten Gesprächen bereiterklärt. Wird das bald stattfinden?

Danspeckgruber: Ich hoffe, dass das so umgesetzt wird, wie er es schon in der Wahlkampagne angedeutet hat. Es ist aber nicht leicht - weil es auch in den USA nicht leicht ist, das innenpolitisch zu verkaufen. (DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2009)

Zur Person: Der gebürtige Linzer Wolfgang Danspeckgruber (52) ist Professor für Internationale Beziehungen und Afghanistan-Experte. Er leitet das Liechtenstein Institute an der Princeton University.

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