Die kleine Furche in der DNS

20. Jänner 2009, 19:17
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Geistesblitz: Cheminformatikerin Gudrun Spitzer untersucht biologische Prozesse

Im Wirkstoffdesign-Team von Klaus Liedl beschäftigt sich Gudrun Spitzer an der Universität Innsbruck mit der kleinen Furche in der Desoxyribonukleinsäure (DNS) als Angriffspunkt für Medikamente: "Die DNS kann man sich als Strickleiter vorstellen, die eingezwirbelt vorliegt." Dabei sind die Stufenbrettchen nicht symmetrisch befestigt, sondern ragen auf einer Seite heraus.

Die senkrechten Seile sind in dem eingedrehten Zustand näher beisammen, und wo die Brettchen nicht herausragen, liegt die kleine Furche. Sie scheint geeignet, kleine Wirkstoffmoleküle aufzunehmen, weil diese dort viele Kontaktpunkte zur DNS vorfinden, was auch der Pharmaindustrie nicht entgangen ist.

Von einer Kontrolle der Genexpression wiederum, dem Ablesen des "Bauplans" DNS, wird ein therapeutisches Potenzial erwartet. Um es zu erschließen, versucht die 28-Jährige "Bindungsinformation aus chemischen Experimenten zu extrahieren und das gewonnene Wissen als Filter zum Durchkämmen großer Moleküldatenbanken zu verwenden".

Biologische Prozesse detailliert zu hinterfragen und zu verstehen findet die Innsbruckerin reizvoll, also spezialisierte sie sich im Chemiestudium auf Biochemie. Den Laborplatz hat die Cheminformatikerin sehr gerne gegen einen Computer eingetauscht, weil sie eine Abneigung gegen Lösungsmittel-Rauschzustände hat.

Bei der Datenanalyse am Computer ist sie methodisch sehr frei, "nicht auf eine Synthesetechnik, bestimmte Chemikalien oder ein teures Gerät fixiert. Wir suchen uns interessante Forschungsgebiete und bearbeiten sie dann mit der passendsten Methode", erklärt Spitzer.

Bereits ihre erste Publikation (im Journal of Chemical Information and Modeling) überzeugte die Jury des Otto-Seibert-Wissenschaftsförderungspreises der Uni Innsbruck. Dabei zögerte die Perfektionistin zunächst, ihre Diplomarbeit zu publizieren, weil für jede beantwortete Frage fünf neue auftauchten.

Ihre berufliche Zukunft könnte durch die Nähe des Fachgebiets zur Pharmazie auch in der besser bezahlten Privatwirtschaft liegen. Das Arbeitsklima bei einem Böhringer-Ingelheim-Praktikum erlebte sie als sehr positiv: "Mich beeindruckt, dass mehrere tausend Personen an einem Strang ziehen, während auf der Uni ein gemeinsames Ziel - abgesehen von 'Weltklasse sein' - fehlt."

Auf der anderen Seite gibt es immer mehr Frauenförderung an der Universität, und die Lehre macht ihr Spaß - also vertagt sie die Entscheidung über den Gang in die Privatwirtschaft noch.

Bis April 2010 schreibt sie an ihrer Dissertation und weiteren Publikationen in einem FWF-Projekt. Es beruht auf Denkanstößen aus ihrer Diplomarbeit und der Zusammenarbeit mit Pharmazeuten. Den Antrag hat sie selbst erstellt, zudem fungiert sie als stellvertretende Projektleiterin, die sich ihr Gehalt selbst auszahlt - ein "gutes Gefühl", wie sie meint.

Aus ihrem Engagement als Pfadfinderleiterin schöpft sie viel Motivation, tragfähige Freundschaften und einen sozialen Ausgleich zur intellektuellen Forschungsarbeit: "Ich habe das Gefühl, meine Erfahrungen in Teamarbeit bringen mir viele Vorteile für die Forschung. Auch hier ist man kein Einzelkämpfer." (Astrid Kuffner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Jänner 2009)

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