Irrende Affen sind menschlich

20. Jänner 2009, 20:03
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Irrationales Wirtschaftsverhalten an Kapuzineraffen erforscht: Sie begehen ganz ähnliche Fehler wie wir

Vor Kapuzineraffen sind alle M&Ms gleich. Die bunten Schokoladebonbons mit Erdnusskern sind ein beliebter Leckerbissen. Die Farbe kümmerte sie wenig - ehe die Psychologin Laurie Santos von der Yale University einige der Affen vor die Wahl stellte: Das blaue Bonbon oder das rote? Gierig entschieden sie sich für das rote, und weg war das M&M ihrer Wahl.

Dann geschah etwas Sonderbares: Die Affen begannen, das zunächst spontan zurückgewiesene M&M auch in anderen Fällen rigoros abzulehnen: Die mittelgroßen Primaten waren von ihrer zunächst willkürliche Entscheidung mit einem Mal überzeugt.

Unerforschte Unvernunft

Praktische Unvernunft bei Affen war bisher kaum ein Thema in der Verhaltensforschung - auch wenn Ähnliches vom Menschen längst bekannt war. Stattdessen studierten Primatologen an Affen gezielt das, was sie auch an sich selbst schätzten: Intelligenz, kommunikative Fähigkeiten oder Werkzeuggebrauch.

Seit einigen Jahren jedoch wirft Laurie Santos einen weit weniger rosigen Blick in den Spiegel der Primaten. Und was stellt sich heraus? Kapuzineraffen sind ebenso dumm wie wir. Mehr noch: Sie sind es vor allem dann, wenn es ums Geld geht.

Bei dem M&M-Experiment, das Santos' Gruppe vor zwei Jahren durchführte, liegt die Antwort nahe. Einmal getroffene Entscheidungen interpretiert der Mensch oft so, dass sie rückwirkend Sinn ergeben - selbst, wenn die Gründe dafür frei erfunden sind. Siehe George W. Bush, der den Einmarsch in den Irak rechtfertigte, auch wenn sich dort keine Massenvernichtungswaffen auftreiben ließen.

Der klassische Weg, menschliches Entscheidungsverhalten zu testen, ist Geld. Die meiste Zeit verhält sich der Mensch im Umgang mit Finanzen durchaus rational. Doch erscheinen die Folgen unsicher, gerät das Denken ins Schlingern.

Nicht anders ergeht es Kapuzineraffen. In Experimenten begreifen die Primaten rasch den universellen Tauschwert kleiner runder Metallscheiben, wie Verhaltensforscher herausgefunden haben. Sie verstehen auch, dass verschiedene Münzen unterschiedliche Kaufkraft haben können.

Von der Rationalität ...

Santos testete gemeinsam mit Yale-Kollegen zunächst, ob die Kapuzineraffen das ökonomische Prinzip hinter dem Spielgeld verstanden hatten. Sie führten eine Rabattaktion durch. Kaum hatten die Äffchen bemerkt, dass es Apfelschnitze bei einem Verkäufer zum halben Preis gab, standen sie dort Schlange. Die von einem zweiten Experimentator regulär angebotene Ware blieb liegen. Die Kapuzineräffchen verhielten sich also völlig rational.

Dann kamen aber die Härtetests: In einem Experiment offerierte ein Mitarbeiter Santos' stets zwei, ein anderer nur eine Weintraube. Doch als es zur Transaktion kam, behielt der Erste etwa jedes zweite Mal eine Traube zurück, wohingegen der andere ebenso oft eine zweite Traube obendrauf spendierte. Im Schnitt bekamen die Affen von beiden letztlich die gleiche Menge. Doch die Kapuzineraffen zogen rasch den Händler vor, der ihnen von vornherein einen Bonus gab.

Die Angst vor Verlust erklärt auch den aus der Ökonomie bekannten "Besitztumseffekt". Auch Primaten, so zeigten Experimente, schätzen den Wert einer Sache, die sich in ihrem Besitz befindet, höher ein als den Wert eines Objekts, das ihnen nicht gehört. Verkaufs- und Kaufpreis fallen auseinander. Für sich genommen ergibt die Asymmetrie keinen Sinn. Aber offenbar wollen wir - und Affen -, was wir einmal haben, ungern aus den Händen geben; so steigt der subjektive Wert des Eigentums.

Santos und andere Forscher können über die tieferen evolutionären Gründe für diese und andere Irrwege des Denkens nur spekulieren. Sie reichen vom feinen Sensorium für Betrüger bis zur Notwendigkeit, in Krisenzeiten Risiken einzugehen.

... zurück zu den Denkfehlern

Die evolutionsgeschichtlichen Wurzeln des fehlerhaften Denkens reichen jedenfalls tief. Schließlich trennte sich der Stammbaum des Menschen von dem des Kapuzineräffchens bereits vor 35 Millionen Jahren. Deshalb ist es wahrscheinlich illusorisch, dass sich die verzerrte Wahrnehmung bestimmter Entscheidungen je leicht korrigieren ließe.

"Wir nützen diese Eigenheiten ohnehin gekonnt", sagt Santos. "Wir erhalten einen Strafzettel für Falschparken, was uns schmerzt, obwohl die Summe relativ zu unserem Vermögen womöglich ein Klacks ist. Und das nächste Mal fahren wir wieder ins Parkhaus." (Hubertus Breuer aus New Haven, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Jänner 2009)

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    Wenn es ums Geld geht, sind Affen ähnlich unvernünftig wie wir, fand die Psychologin Laurie Santos anhand mehrerer gewiefter Experimente heraus.

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