"Kampagne der Verunsicherung "

20. Jänner 2009, 19:37
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Der Sportwissenschafter Erich Müller appelliert an die Vernunft der Skisportler - Unfälle ließen sich eher durch Argumente als durch Reglementierung verhindern, sagt er im Gespräch mit Jutta Berger

Standard: Ist der Skisport so gefährlich, wie Unfallberichte suggerieren?

Müller: Die Berichte sind großteils unseriös, außerdem wiederholt sich diese Kampagne der Verunsicherung jeden Jänner. Die Unfälle auf den Skipisten wurden weder schwerer noch häufiger. Das ist Faktum.

Standard: Was sagt die Statistik?

Müller: Die Unfall- und Verletzungsstatistik der letzten fünf Jahre zeigt relativ konstante Zahlen: Das tatsächliche Verletzungsrisiko beim Freizeitskifahrer liegt in Österreich bei 1,3 bis zwei Verletzungen pro 1000 Skitagen, international liegt das Maximum bei drei Promille. Vergleichende Studien beweisen auch, das Skifahren mit neuen Systemen wie Carvern sicherer wurde, das hängt aber auch mit den besser präparierten Pisten zusammen.

Standard: Wie erklären Sie dann die schweren Unfälle?

Müller: Mit großer Risikobereitschaft, Selbstüberschätzung. Eine Studie zeigt, dass der Prozentsatz der Risikofreudigen bei Unfallopfern extrem hoch ist. Sehr viele Unfälle werden also von Personen verursacht, die über ihre Verhältnisse fahren, wobei sehr oft Unschuldige schwer verletzt werden.

Standard: In welcher Altersgruppe sind die Risikofreudigen zu finden?

Müller: Beim Snowboarden bei den 14- bis 18-Jährigen, beim Skifahren sind es die 25- bis 45-Jährigen. Der Anteil der Männer ist deutlich höher. Das Verhältnis beträgt 60:40, wenn nicht sogar 70:30.

Standard: Sind Geräte und Pisten nicht zu schnell?

Müller: Moderne Geräte und gut präparierte Pisten lassen das schnelle Fahren zu. Ich halte aber nichts davon, wieder nach Buckelpisten zu rufen oder langsamere Skier zu bauen. Das Befahren von Buckelpisten wäre zu ermüdend und würde keinen Spaß bereiten, die Dichte der Skifahrenden wäre auf den glatten Pisten noch höher. Wichtiger als Reglementierung ist Information über die individuell am besten geeigneten Pisten und Skier, über situationsgerechtes Fahrverhalten und die fachgerechte Einstellung der Bindung.

Standard: Was kann man gegen den Geschwindigkeitsrausch tun?

Müller: Man muss sehr eindringlich auf die Folgen hinweisen. Aufzeigen, welche kinetische Energie bei Kollisionen entsteht. Wenn zwei Personen mit einer Geschwindigkeit von 30 km/h, die man beim zügigen Skifahren sehr schnell erreicht, zusammenstoßen, entspricht das einem Mopedfahrer, der mit 60 km/h in eine Hauswand fährt. Sich mit Helm, Protektoren zu schützen ist gut, wichtiger wäre aber, die Kollisionen zu verhindern - durch Information und moralischen Druck, sich vernünftig zu verhalten.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Jänner 2009)

Zur Person
Erich Müller (55) ist Sportwissenschafter, er leitet den interfakultären Fachbereich für Sport- und Bewegungswissenschaft/USI der Universität Salzburg und das CD-Labor "Biomechanics in Skiing".

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