"Mir war bewusst, dass es keine Lorbeeren gibt"

20. Jänner 2009, 17:48
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Der scheidende Vorstandschef des Hauptverbandes, Erich Laminger, erklärt, warum er eigentlich ein Gegner der Pflichtversicherung ist

Standard: Die Sozialversicherung ist sehr parteipolitisch geprägt. Ist diese Konstruktion noch zeitgemäß?

Laminger: Das Prinzip der Selbstverwaltung halte ich für durchaus zeitgemäß. Es macht Sinn, dass die Sozialversicherung eine Institution ist, die auf eigenen Füßen stehend nicht völlig im politischen System drinnen steckt. Es ist allerdings schon auch richtig, dass es eine traditionelle parteipolitische Orientierung gibt.

Standard: Sie werden dem ÖVP-Freundeskreis zugeordnet. Offenbar gab es von der ÖVP aber keine volle Unterstützung mehr für Sie. Enttäuscht Sie das?

Laminger: Es ist richtig, dass ich von meiner Gesinnung dem christlich-sozialen Bereich zuzurechnen bin und eine politische Nähe zur ÖVP habe. Aber es ist auch richtig, dass ich nicht durch eine Parteimitgliedschaft ver- oder gebunden bin. Bei der Frage des Beziehungsnetzwerkes mag das eine Rolle gespielt haben. Mir war aber bewusst, dass es für meinen Job keine Lorbeeren gibt. Insofern hält sich die Enttäuschung in Grenzen.

Standard: Ich habe mir sagen lassen, dass Sie als Vorstandschef rund 3500 Euro brutto bekommen. Ist das für so eine Funktion angemessen?

Laminger: Es stimmt, es ist von der Honorierung her eine ehrenamtliche Funktion. Ich kriege kein Gehalt, sondern eine Funktionsgebühr - zwölfmal jährlich 3800 Euro. Es ist nicht wirklich klug, dass die Honorierung so geregelt ist. Bei der Reform 2004 wurde möglicherweise übersehen, dass der Vorstand des Hauptverbandes die sogenannte Generalkompetenz hat. Daraus leitet sich ab, dass man in hohem Maß im Tagesgeschehen involviert ist und eine hohe zeitliche Intensität entsteht. Es wäre viel vernünftiger - vergleichbar mit den Klubobleuten im Parlament -, eine adäquate Bezahlung zu gewährleisten, den Vorstandschef dafür aber mit einem Berufsverbot zu belegen.

Standard: Ein Dauerproblem sind die Finanzen der Krankenkassen. Derzeit wird die Beitragshöhe gesetzlich fixiert. Wäre es sinnvoll, das an die Kassen zu übertragen?

Laminger: Wenn das System der Selbstverwaltung in einer ernstzunehmenden Form weiterentwickelt werden soll, was ich für sinnvoll hielte, muss es auch auf der Einnahmenseite eigenverantwortlich agieren können. Was denkbar wäre: Man setzt eine staatliche Obergrenze bei der Krankenversicherung, etwa die derzeit 7,65 Prozent, fest. Die einzelnen Träger müssen dann damit auskommen. Jene Kassen, die nachhaltig positiv wirtschaften, könnten ihren Versicherten aber am Ende des Jahres einen Bonus ausschütten. Das wäre eine spannende Sache.

Standard: Es schaut aber nicht so aus, dass derzeit viele einen Bonus vergeben könnten. Müsste man nicht die Einnahmemöglichkeiten nach oben öffnen?

Laminger: Ich sehe das nicht so. Es gibt derzeit die eine oder andere Kasse, die eine schwarze Null schreibt, man könnte also den Versuch starten. Die Idee ist: Es soll mehr Wettbewerb Bundesland gegen Bundesland entstehen. Derzeit haben wir beispielsweise jährlich elf Medikamentenverordnungen pro Patient in Vorarlberg, in Wien aber 16. Da ist schon was drinnen.

Standard: Mehr Wettbewerb könnte auch entstehen, wenn sich die Versicherten die Krankenkasse aussuchen könnten.

Laminger: Das klingt auf den ersten Blick toll. In Deutschland hat sich aber gezeigt, dass dieses Modell viel teurer ist, weil die Kassen durch das Buhlen um Kunden beachtliche Marketingausgaben haben. Ich habe immer gesagt, ich bin im Grundsatz ein absoluter Gegner der Pflichtversicherung, möchte aber möglichst wenig für diese Versicherung ausgeben müssen. Daraus ergibt sich für mich der Kompromiss pro Pflichtversicherung. Mir geht es da wie Winston Churchill, der gesagt hat, die Demokratie ist nicht das beste System, aber mir fällt kein gescheiteres ein. Das heißt aber nicht, dass sich die Strukturen in den nächsten 100 Jahren nicht ändern müssen.

Standard: Wie würden die idealen Strukturen ausschauen?

Laminger: Was man überlegen könnte: Wir haben das Gesundheitswesen in vier Versorgungszonen eingeteilt. Es könnte Sinn machen, die Kassenstruktur in diese Richtung anzupassen. Daneben wird sicher wieder Bewegung in den Zusammenschluss der Gewerblichen und der Bauernkasse zu einer Selbstständigen-Versicherung kommen.
Standard: Minister Alois Stöger (SPÖ) sieht vor allem im Umgang mit der Pharmawirtschaft Einsparpotenzial. Muss man die noch strenger an die Kandare nehmen?

Laminger: Im internationalen Vergleich haben wir die Pharmabranche schon streng an der Kandare. Chancen gibt es aber noch im Bereich der Rabatte. Die vereinbarten Preise basieren auf Mengenannahmen. Wenn die Mengen aber um ein Mehrfaches steigen - wie etwa bei den Magenschutzpräparaten - sollte es am Ende des Jahres einen Mengenrabatt geben.

Standard: Gibt es besondere Auffälligkeiten bei den Verschreibungen?

Laminger: Erschreckend ist der Anstieg bei den Psychopharmaka. Über alle Altersgruppen hatten wir in den letzten drei Jahren einen Anstieg von fast 30 Prozent. Besonders hervorstechend sind aber die Gruppen der Fünf- bis Neunjährigen und der Zehn- bis 14-Jährigen, wo der Anstieg bei 50 Prozent liegt. Auch wenn das in der einen oder anderen Form erklärbar scheint - etwa durch die Behandelbarkeit des "Zappelphilipp-Phänomens" -, muss sich die Gesellschaft fragen: Was ist da los? (Günther Oswald, DER STANDARD, Printausgabe, 21.1.2009)

ZUR PERSON: Erich Laminger ist seit 2005 Vorstandschef des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger. Am 21. Jänner scheidet er alssolcher aus. Sein Nachfolger wird Auva-Obmann Hans Jörg Schelling. 

  • Honoriert
wie ein "Ehrenamt", tatsächlich ein Fulltimejob: Laminger plädiert für
eine Neudefinition seiner (ehemaligen) Position.
    foto: standard/fischer

    Honoriert wie ein "Ehrenamt", tatsächlich ein Fulltimejob: Laminger plädiert für eine Neudefinition seiner (ehemaligen) Position.

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