Eine Stadt im Ausnahmezustand

20. Jänner 2009, 16:14
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Washington erlebt heute einen Tag der Rekorde: Zwei Millionen Menschen oder mehr werden zur Amtseinführung von Barack Obama ins Zentrum der Hauptstadt kommen

"Raus aus dem Irak!" "Räumen Sie die hässlichen Betonquader vorm Weißen Haus wieder weg!" "Beenden Sie das Töten in Gaza!" Mehr Geld, die Vier-Tage-Arbeitswoche, volle Rechte für Washington, die Hauptstadt, die nur symbolisch vertreten ist im Parlament: Die Wunschliste ist so voluminös, dass jeder Zettel immer nur für ein paar Stunden an der Tafel hängt, bevor sie ihn abnehmen und archivieren.

"Sagt es dem Präsidenten!", steht in Balkenlettern über der Tafel. Sie steht an einer hektischen Kreuzung in Adams Morgan, Washingtons Szeneviertel. Kunterbunte Fassaden, schräge Kneipen, Läden, die peruanische Keramikrinder oder ägyptische Bastkörbe verkaufen. Überall ist geflaggt, dutzende Fahnen aus aller Welt, es ist, als würden die Vereinten Nationen Obamas Amtseinführung feiern. Adams Morgan freut sich auf den Neuen, auf die coole, weltoffene Art, die man sich von ihm verspricht. George W. Bush hat sich hier nie blicken lassen.

Ein paar Ecken weiter, auf der U Street hinein ins afroamerikanische Washington, ist "Ben's Chili Bowl" zu einem Wallfahrtsort geworden. Lange Warteschlangen, und das nicht nur, weil sie drinnen die angeblich besten Hamburger der Stadt brutzeln. Hinten links, auf einem harten Stuhl vor einem Tisch mit zerkratzter Resopalplatte, hat Obama gesessen. Vor ein paar Tagen kam er hereingeschneit, wollte wissen, was ein Half-Smoke ist und bestellte sich einen, dazu Pommes frites mit hausgemachter Chilisoße. 20 Dollar zahlte er, gut die Hälfte war Trinkgeld. Nun will sich Jermaine Jefferson, der Mann, der den Schein kassierte, Obamas Zwanziger rahmen. Und Gäste aus Chicago, New York, San Francisco drängen sich vor seiner Theke, um einen Half-Smoke zu ordern, eine Art gegrillter Hotdog, mit Zwiebeln bestreut und in Senf getaucht.

1968 gehörte die Imbissbude zu den wenigen Geschäften der Gegend, die bei den Rassenunruhen nach dem Mord an Martin Luther King nicht in Flammen aufgingen. Heute pilgern die Massen hierher. "It's crazy" , sagt ein Bauchladenhändler, der eigenwillig bedruckte T-Shirts verkauft. Auf denen prangt flächendeckend die Titelseite der Washington Post, wie sie nach der Wahlnacht erschien.

"Obama Makes History"

Crazy, verrückt, das ist das Wort der Stunde. Die abgehärteten Washingtonians sind manches gewohnt, Amtseinführungen gibt es schließlich alle vier Jahre. Aber das Spektakel, das heute, Dienstag, den Ausnahmezustand über sie hereinbrechen lässt, dürfte alles in den Schatten stellen.

Zwei Millionen werden sich vielleicht an der National Mall drängen, dem breiten Grünstreifen, der sich vom Kapitol zum Lincoln Memorial zwei Meilen durchs Zentrum zieht. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hart. 8000 Soldaten und 4000 Angehörige der Nationalgarde verstärken das Großaufgebot von Polizisten. Alle Brücken über den Potomac, die den Nachbarstaat Virginia mit der Hauptstadt verbinden, sind für den Privatverkehr ab vier Uhr morgens gesperrt. Nur Busse, Bahnen und Fußgänger dürfen sie passieren. Die Innenstadt wird abgeriegelt. Autos sind tabu. Die U-Bahn schiebt Sonderschichten und dürfte dennoch völlig überfüllt sein.

Die meisten werden wohl viele Kilometer weit laufen, um entweder in die Nähe des Kapitols zu gelangen oder an der Pennsylvania Avenue die ausgelassene Parade nach der feierlichen Zeremonie zu sehen. 260.000 Glückliche konnten Tickets ergattern. Hollywood-Stars wie Halle Berry, Sharon Stone und Steven Spielberg haben dem Organisationskomitee die maximal zulässige Spende überwiesen, 50.000 Dollar pro Nase. Dafür bekommen sie Sitzplätze nahe am Ort des Geschehens und Karten für einen der zehn offiziellen Bälle, bei denen die Obamas am Abend aufkreuzen wollen. Den meisten aber ist nichts garantiert, weshalb die Tapfersten schon nachts an der Pennsylvania Avenue campieren. Ist die Zahl von 300.000 Zuschauern erreicht, will die Polizei den Zugang sperren. Wer es nicht zur Avenue schafft, muss sich auf der National Mall mit einer der 20 Großleinwände begnügen. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009)

 

 

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