Zwischen Irrationalität und Reinkarnation

20. Jänner 2009, 16:04
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Gedanken zum Thema Finanzmärkte, Systeme und ihr Zusammenhang mit Wirtschaft - Ein Interview mit Peter König

Die Börsenkurse befinden sich dieser Tage im freien Fall. Am Freitag, 10. Oktober 2008, hat man Experten sagen hören, die Börse sei irrational geworden. ist Rationalität in diesem Markt denn mit Profit gleichzusetzen?

Nur wenige Experten sprachen von Irrationalität, als die Börsenkurse anstiegen und dadurch Profite entstanden, denen keinerlei substanzieller Wert zugrunde liegt. Nun, da die Kurse einbrechen und Verluste entstehen, denen wiederum keinerlei substanzieller Wert eigen ist, spricht man von Irrationalität. So gesehen trifft die Beobachtung zu: Diese Klagen über die "Irrationalität" sind selber irrational.
Derzeit heißt es in der Berichterstattung oft, es würden massiv Werte vernichtet und abgeschrieben. Auch diese Ausdrucksweise führt in die Irre. Wir bekommen dadurch den Eindruck, hier würde etwas konkret Fassbares vernichtet, wo doch in Tat und Wahrheit nichts anderes geschieht, als dass Preise runterkommen, die zuvor aufgebläht worden waren. Wenn Börsenkurse steigen oder fallen, mag das seine Folgen haben, doch reelle Werte werden dabei nicht vernichtet.
Meiner Ansicht nach ist das, was uns die Medien derzeit über die Vorgänge in der Finanzwelt auftischen, im wesentlichen Public Relations, die darauf abzielt, jedwede Panik zu vermeiden, um eine unvernünftige emotionale Reaktion zu verhindern. Das ist kein leichtes Unterfangen, denn es gibt in der Tat triftige Gründe, sich über diese Dinge Sorgen zu machen, selbst wenn man von den logischen Details dahinter wenig versteht. Das hat mit der grundlegenden Struktur des Finanzsystems zu tun, wie es uns gegenwärtig zur Verfügung steht. Dieses System steht auf tönernen Füssen, ihn ihm kommt es unweigerlich zu der Art von Schwankungen, wie sie heute zu Tage treten. Wer sich ein solches System zu Eigen macht, handelt sich gelegentliche Zusammenbrüche ein, oder man ruft, wie es in der jüdischen Tradition üblich war, einen "Jovel" oder ein Jubiläumsjahr aus, wodurch in regelmäßigen Intervallen sämtliche Guthaben und Schulden getilgt werden und alle wieder bei Null beginnen.
Bei meinen Forschungen habe ich mich mit der Frage beschäftigt, was für seelische Kräfte und Bedürfnisse uns dazu bringen, eine bestimmte Art von Finanzsystem zu wählen, und was für Folgen diese Wahl nach sich zieht. Doch dies hier zu erörtern, würde zu weit führen.

Martin Frischknecht: Warum ist denn gleich unser gesamtes Finanzsystem und unsere Wirtschaft bedroht, wenn Banken Pleite gehen?

Peter König: Wenn die Geschäftsbanken zusammenbrechen, reißt das unser gegenwärtiges Finanzsystem mit in den Abgrund, da die Banken im Verbund mit den Zentral- und Nationalbanken das Kerngeschäft unseres Wirtschaftsystems betreiben. Die Banken verfügen in diesem System über das Monopol, die Erschaffung von Geld zu ermöglichen und Geld in Umlauf zu bringen. Sollten die Banken kollabieren, stünden wir ohne Institutionen da, die berechtigt wären, unsere Wirtschaft mit Geld zu versorgen. Das Finanzsystem, wie wir es seit 300 Jahren kennen und das den Motor bildete zur Entfesselung der industriellen Revolution, die uns mit all den Annehmlichkeiten ausstattete, die für uns heute so selbstverständlich sind, würde in sich zusammenfallen und nicht länger existieren.
Allerdings wäre das bei weitem nicht das Ende der Ökonomie. Seinem Wortsinn nach bedeutet dieses griechische Wort ja nichts anderes als "die Aufgaben des Haushalts erledigen", was wir heute verstehen dürfen als die Gesamtheit jener menschlichen Unternehmungen, die uns mit Gütern und mit Dienstleistungen versorgen. Damit wäre es gewiss nicht vorbei, genauso wenig wie Blumen und Bäume ihr Wachstum einstellen würden. Dass die Banken ausfielen, um über den Waren- und Geldverkehr zwischen Personen und Firmen zu wachen, ihn zu regeln und darüber Buch zu führen, würde gewiss zu einer beträchtlichen Störung des Wirtschaftslebens führen. Doch das Wissen und die technischen Voraussetzungen, diese Leistungen für die Wirtschaft zu erbringen, gingen mit einem Kollaps der Banken nicht verloren. Das könnte und würde mit großer Sicherheit im Verlaufe der Zeit wieder aufgebaut werden.

Frischknecht: Was geschieht, wenn sämtliche Sparer und Investoren am Tag X zur Bank gehen und verlangen, dass man ihnen ihr Geld ausbezahlt?

König: Wenn das geschähe, wäre es für die Gläubiger von Vorteil, wenn sie an die Reinkarnation glaubten, denn bis all diese Auszahlungen abgewickelt wären, würde es mehrere hundert Jahre dauern und höchstwahrscheinlich gingen dabei in etwa sämtliche Bäume der Erde drauf, um ausreichend Banknoten zu drucken.
Selbst wenn bloß ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung die Banken stürmte und sein Geld verlangen würde, reichte es aus, um die Banken kollabieren zu lassen. Darum sind wir derzeit der bereits erwähnten PR-Aktion ausgesetzt. Die Anfälligkeit der Banken hängt unmittelbar zusammen mit einem Baustein des Finanzsystems, auf dem das ganze wacklige Konstrukt beruht: auf der Annahme, es sei relativ sicher, mehr Geld zu schaffen, als reale Werte je erschaffen werden könnten, ganz einfach aus der Überzeugung heraus, dass ohnehin nie sämtliche Gläubiger auf einen Schlag ihr Geld einfordern werden.
Dieser wackligen Grundlage unseres Finanzsystems haben wir ein ungehindertes Wachstum in den frühen Phasen der industriellen Revolution zu verdanken. Damals diente dieses Element als Stimulus und Beschleuniger der Entwicklung. Zurzeit erleben wir, als wie gefährlich sich dieses fiktive Element erweisen kann in den reiferen Phasen der Wirtschaftsentwicklung. Das Platzen der Blase, das wir derzeit durchmachen, kann verstanden werden als ein Selbst-Regulativ des Systems, um das Wachstum zu verlangsamen und auf geringere Größe zu schrumpfen. Mithin würde es sich um einen Prozess der Gesundung und Stabilisierung handeln, doch darüber darf nicht vergessen werden, dass das System weiterhin darauf angelegt bleibt, sich aufzublähen und wieder zu platzen.

Frischknecht: Man sieht Politiker beschwichtigend vor die Medien treten und das Volk händeringend um Vertrauen zu bitten. Ist Vertrauen das Rückgrat der Ökonomie?

König: Der Rhetorik von Politikern und Experten zu vertrauen, scheint nicht gerade ein Gebot von Weitsicht zu sein. Die meisten die uns gut zureden, sprechen entweder in Unwissenheit, oder sie verleugnen und halten zurück, was sie über den wahren Grund der Krise wissen. Bis heute habe ich noch keinen vernommen, welcher der Bevölkerung reinen Wein eingeschenkt hätte. Die von Regierungen beschlossenen Maßnahmen und Finanzspritzen sind Versuche, zwischen Inflation und Deflation einen steten Kurs zu halten und unbeschadet durchzukommen. Beide Extreme hätten einschneidende Konsequenzen. Das heißt, diese Eingriffe in den Finanzmarkt sind durchaus berechtigt, nur ändern sie nichts an den tiefer liegenden Gründen der Krise.
Letztlich ist es aber tatsächlich so, dass Vertrauen das Rückgrat der Wirtschaft bildet. Damit meine ich Vertrauen in den gesunden Menschenverstand, gut mit sich und seiner Geschäftstätigkeit verbunden zu sein und eine gute Beziehung zu seinen Geschäftspartnern zu pflegen. Wer diese Qualitäten pflegt und nährt, wird die Herausforderungen der Zukunft bestehen, so gut wie er die Herausforderungen der Vergangenheit bestanden hat, egal was für ein Finanzsystem wir gerade haben.

Frischknecht: Wie steht es mit "Krise als Chance"? Was könnte sich auf lange Sicht als Vorteil des Zusammenbruchs erweisen?

König: Allgemein gesprochen, wird der gewichtigste Vorteil darin liegen, dass uns diese Krise hinausführen wird aus einer fiktiven, abstrakten und einer sich selbst betrügenden Welt, über die wir uns eingeredet haben, sie sei das Wahre, Normale und Natürliche -eine Fiktion, die von dem Finanzsystem seit dessen Begründung 1692 exakt gespiegelt wird - hin zur Wirklichkeit und näher zur Natur. Das heißt, wir stehen vor einem gesunden Prozess der Rückbesinnung auf das Eigentliche.
Das Wachstum, welches sich daraus ergibt, liegt nicht auf der materiellen Ebene. Materielle Güter haben wir mehr als genug, und die Krise wird hier zu einer Verlangsamung und zu einem Einbruch des Wachstums führen. Auch wenn diese Entwicklung mit Ängsten einhergeht, die durchaus berechtigt sind, werden wir vermutlich auch manch einen Segen entdecken. Die Preise für Güter des täglichen Bedarfs und für grundlegende Lebensmittel sind bereits günstiger geworden. Die Schere der Kaufkraft von Arm und Reich wird nicht weiter auseinander gerissen, wodurch eine Lähmung beider Pole überwunden werden durfte.
Gelegenheiten zum Wachstum nehme ich wahr im immateriellen Bereich: Ich erwarte einen Anstieg von Bewusstheit, Bewusstsein und Intelligenz. Mein persönliches Anliegen ist es, dass eine wachsende Anzahl von Menschen verstehen lernt, was Geld ist und wie der Geldkreislauf funktioniert, so dass wir nicht länger die Verantwortung für das Geldsystem, egal, wie dieses gerade beschaffen ist, von uns weisen und Politiker und Banker für dessen allfälliges Versagen anklagen. Auf die eine oder andere Weise nehmen wir alle in diesem System eine Rolle wahr, die meisten sind sich dessen bloß nicht bewusst. Verfügen wir in dem Bereich über ausreichend Informationen und Bildung - keiner von uns hat in der Schule je etwas über Geld gelernt! -, dann stellen wir uns der Verantwortung und werden eines Tages ein besseres Finanzsystem hervorbringen.
Ganz praktisch möchte ich hier ein kleines zeitgemäßes Experiment vorschlagen: Stellen Sie sich vor, unser Finanzsystem würde gleich morgen zusammenbrechen. Gibt es irgendetwas, dass Sie dann tun würden, was Sie heute nicht tun, oder gibt es umgekehrt etwas, was Sie nicht mehr tun würden, aber heute noch immer tun? Ich schlage Ihnen vor, das, was Sie gefunden haben, gleich hier und jetzt zu tun oder eben aufzugeben. (derStandard.at/20.1.2008)

 

 

Dieser Text ist am 13. Oktober 2008 als Interview in der Zeitschrift "SPUREN - Magazin für neues Bewusstsein" erschienen.

Zur Person:  Peter Koenig, Bsc., MBA. Ausbildung als dipl. Immobilientreuhänder (GB). Facilities Manager in Zürich für einen amerikanischen Grosskonzern. 1980 Weiterbildung in Management (IMD) und als Coach bei Robert Hargrove (Boston, USA). Gründung der Schweizer Niederlassung Hargrove Associates für die Durchführung von Visions-, Qualitäts- und Kommunikationsprozessen. 1984 Gründung des International Business Network in Switzerland. Seit 1986 selbständiger Berater für Unternehmungen und soziale Organisationen. Empirische Forschungsstudien über Zusammenhänge zwischen Umgang mit Geld, Geldsystementwicklungen und der Vitalität von Menschen und Organisationen. Seit 1994 Durchführung von Geldseminaren, Begründer der internationaler Konferenzreihe "Money & Business Partnership" und Buchautor von „30 dreiste Lügen über Geld" (2003).

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