Normal oder hochnormal

20. Jänner 2009, 15:59
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Jeder dritte Österreicher lebt mit einer arteriellen Hypertonie - Die Gefahr hochnormaler Blutdruckwerte wird oft nicht erkannt - Blutdruckanstiege am Morgen gelten als besonders gefährlich

Die drastischen Folgen des Bluthochdrucks sind hinlänglich bekannt: 54 Prozent der Schlaganfälle und 47 Prozent aller koronaren Herzerkrankungen weltweit werden damit assoziiert. In vielen Fällen hätte ein gesunder Lebensstil beziehungsweise die Einnahme blutdrucksenkender Medikamente eine heilende Wirkung. Das Interesse daran ist trotzdem beachtlich gering. Konkret wissen nur 50 Prozent aller Hypertoniker von ihrer Erkrankung.

Geringfügige Blutdruckerhöhung wird unterschätzt

„Das Gros derer, die an den Folgen einer Hypertonie erkranken, rekrutiert sich aus Menschen, die mit einem systolischen Blutdruck zwischen 130 und 160 herumlaufen", erklärt Jörg Slany, Vorstand der kardiologischen Abteilung der Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien. Als hochnormal und leicht erhöht bezeichnen Mediziner Werte in diesem Bereich. Die vermeintlich „geringfügige" Erhöhung wird unterschätzt und weil meistens symptomlos, ebenso oft ignoriert. Zwar treten Schwindel und Kopfschmerzen bisweilen erst bei höheren Werten auf. Verglichen mit einem Optimalwert von 120/80, ist das Risiko an einer Herz- oder Gefäßkomplikation zu erkranken, bei einem Blutdruck von 135/85 bereits um 64% erhöht.

Systole vor Diastole

Um die Tragweite dieser hochnormalen Konstellation zu erfassen, gilt es vorweg das Ereignis Blutdruck überhaupt zu verstehen. Meist endet das Wissen darüber mit der Tatsache, dass das menschliche Herz das Blut stoßweise in die Gefäße befördert. Eine lebenserhaltende Funktion, jedoch ist für den Blutdruck genauso entscheidend, was in den angrenzenden Gefäßen passiert. Für den kurzen Moment der blutauswerfenden Phase sind die Schlagadern prallvoll mit dem Blut aus dem Herzen gefüllt. Eine Druckwelle entsteht, deren Maximalwert dem systolischen Wert einer Blutdruckmessung entspricht. Fließt das Blut weiter in die Peripherie, so fällt der Druck wieder ab. Der tiefste noch messbare Wert dieser Welle ist der diastolische Blutdruck.

Mit zunehmendem Alter verlieren unsere Gefäße an Elastizität. „Die starren Rohren lassen den systolischen Druck steigen, während der diastolische sinkt", erklärt Slany ein Phänomen, dass in der Praxis häufig zu Fehlinterpretationen führt. Der vermeintlich „schöne" diastolische Wert ist nämlich kein positives Zeichen, sondern im Gegenteil ein Indikator für die fortgeschrittene Schädigung der Gefäße.

Selbstmessung mit automatisierten Oberarmgeräten

Neben dem Wissen darüber, wie Herz und Gefäße möglichst effizient rund 7000 Liter Blut täglich im Organismus verteilen und was eine Abweichung vom Optimalwert 120/80 bewirkt, gehört auch das Erlernen der Messung des eigenen Blutdrucks. Automatisierte Oberarm- und Handgelenksmessgeräte sind im Handel erhältlich. Korrekte Ergebnisse sind nur mit validierten Geräten auch garantiert. Die Handhabung ist einfach, jedoch ist die Fehlerhäufigkeit bei Oberarmgeräten deutlich geringer. Der Grund: Die Manschette wird automatisch in Herzhöhe platziert ist. Bei Handgelenkapparaten muss der Patient seine Hand während der Messung in Herzhöhe positionieren.

Morgentsunami besonders gefährlich

„Wir wissen heute, dass sowohl eine nächtlicher Bluthochdruck als auch ein massiver Anstieg in der Früh vom menschlichen Organismus besonders schlecht vertragen wird", betont Slany und behält den „Morgentsunami" immer ganz besonders im Auge. Morgens nach dem Aufstehen und abends vor dem Schlafen gehen, empfiehlt die Österreichische Hochdruckliga eine Selbstmessung in der Anfangsphase. Zeigen sich bei dreißig Blutdruckkontrollen mehr als 7 Werte hochnormal, dann lautet die Diagnose bereits: Hypertonie.

Demenzrisiko steigt

Nach dem Beginn einer medikamentösen Therapie wird die zweimalige Messung fortgesetzt. Solange bis der Blutdruck den Optimalwert erreicht. Zusätzliche Messungen sind sinnvoll, wenn der Betroffene glaubt zu fühlen wie sich der Blutdruck gerade verhält. „Das Gefühl für den eigenen Blutdruck trügt häufig. Wer Kopfweh hat, muss nicht zwangsläufig einen hohen Blutdruck besitzen", weiß Slany. Als Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie ist er besonders bemüht darum, das Interesse der Menschen am Blutdruck zu wecken. Mit dem Argument Lebensverlängerung bei guter Blutdruckeinstellung stößt er jedoch schon lange auf taube Ohren. Nachhaltig Eindruck macht eher die Tatsache, dass bereits ein gering erhöhter Blutdruck die geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt. „Denn blöd werden will niemand", weiß Slany und macht die Dringlichkeit einer blutdrucksenkenden Therapie drastisch bewusst. (phr)

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    Der Blutdruck wird in Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) angegeben - Optimalwert: 120/80

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