"Messias sein ist anstrengend"

20. Jänner 2009, 10:32
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STANDARD-Ressortleiter Christoph Prantner zur Inauguration Barack Obamas

Moderator-Message: Liebe UserInnen und User. Der Chat mit Christoph Prantner zum Machtwechsel in den USA beginnt um 13 Uhr. Sie können aber bereits jetzt Ihre Frage stellen.

Moderator: Liebe UserInnen und User. Der Chat mit Christoph Prantner zum Machtwechsel in den USA beginnt um 13 Uhr. Sie können aber bereits jetzt Ihre Frage stellen.

ModeratorIn: Wir begrüßen herzlich Chrisoph Prantner im Chat und bitten unsere UserInnen um Ihre Fragen? Los geht´s.

Christoph Prantner: Herzlichen Dank für die Einladung. Ich freue mich, dass ich hier sein darf und hoffe, dass ich alle Ihre Fragen einigermaßen kompetent beantworten kann.

taeubchen: Lieber Herr Prantner. Halten Sie Barack Obama tatsächlich für einen derart historischen Präsidenten, als der er schon vor seiner Präsidentschaft immer gesehen wird?

Christoph Prantner: Man sollte vorsichtig sein mit solchen Zuschreibungen, aber ich glaube, er ist in vielerlei Hinsicht ein historischer Präsident. er ist der erst Afroamerikaner der es bis ins weiße Haus geschafft hat. Er hat eine brillante Wahlkampagne hingelegt und er steht in der Tat vor einer historischen Herausforderung. Das rechtfertigt den Gebrauch dieses Wortes zumindest.

Haussalami: Ist der Hype um Obama (zumindest hier bei uns in Österreich) nicht irgendwie übertrieben? Er ist US-Präsident, nicht der Messias!

Christoph Prantner: Es stimmt im Wahlkampf haben schon einige Witze gemacht und gefragt, wann er denn über Wasser laufen wird. Aber er selbst hat kurz vor der Wahl und vor allem nach der Wahl die Erwartungen seiner Anhänger gedämpft. Messias sein, ist anstrengend. Das weiß Obama und die Amerikaner verlangen das auch nicht von ihm.

Sabine Lichter: Ihr erster Gedanke, als Sie vom Wahlsieg Obamas erfahren haben?

Christoph Prantner: Ich war bis zu letzt immer noch sehr vorsichtig und habe den Umfragedaten nicht wirklich getraut. Aber nach der Bekanntgabe des Wahlsieges hatte ich wirklich den Eindruck, dass es ein großer Moment ist. Ein Wendeereignis für die USA und für die Welt. Was mich sehr berührt hat waren die Tränen des Jesse Jackson. Das war für mich das Bild dieses Wahlsieges.

schiachapolitiker: Lieber Herr Prantner. Tut Ihnen Geroge W. Bush nicht auch irgendwie leid?

Christoph Prantner: Nein. Von einem Politiker muss man erwarten können, dass er die Konsequenzen seines Handelns abschätzen kann. Mitleid ist keine politische Kategorie.

Mungo Park: Der außenpolitische Fokus wird unter Obama auf Pakistan und Afganistan gelenkt - ist in Pakistan mit einer neuen Intervention der USA zu rechnen?

Christoph Prantner: Wenn man den Ankündigungen Obamas glauben kann, werden die US-Streitkräfte zumindest im Grenzgebiet zwischen Afghanistan und Pakistan operieren. Der neue Präsident hat sich explizit dafür ausgesprochen, dass die US-Armee Terrorverdächtige auch über die Grenze verfolgen soll. Diese Ankündigung ist eine neue Qualität im Antiterrorkampf.

Andrea D: Inwiefern kann und will Obama zum Frieden in Nahost beitragen?

Christoph Prantner: Das Beispiel Bush zeigt, dass es für keinen amerikanischen Präsidenten klug ist, dass Nahostproblem auf die lange Bank zu schieben. Obama wird unmittelbar nach Amtsübernahme aktiv werden, er soll schon morgen einen neuen Nahostbeauftragten ernennen und er wird in jedem Fall das Problem ganz oben auf seiner Agenda haben. Das wird neue Möglichkeiten schaffen, aber ob sich in dieser Situation tatsächlich ein Friedensprozess entwickeln kann hängt vor allem von den beiden Streitparteien dort ab.

Mungo Park: Werden Obamas Maßnahmen gegen die Wirtschaftskrise greifen können oder ist das nicht eher ein Fass ohne Boden?

Christoph Prantner: Das ist die 1 Mio.Dollar Frage. Wenn man sich die Einschätzungen der Ökonomen anschaut, sind alle finanziellen Maßnahmen die die US-Regierung bis jetzt getroffen hat zu wenig. Die Frage ist, ob sich die Krise alleine mit Geld lösen lässt. Ein guter Teil ist Psychologie und als Massenpsychologe hat Obama bis jetzt ja einiges Talent erkennen lassen. Vielleicht nützt das mehr als noch 1000 Mrd. Dollar.

ModeratorIn: UserInnenfrage per Mail: Was sind - neben der Wirtschaft - die innenpolitischen Probleme, die Obama als erstes angehen wird?

Christoph Prantner: Obama hat eine Gesundheitsreform ganz nach oben auf seine Agenda genommen. Da wird sich einiges bewegen. Eine Ausweitung des Versicherungsschutzes auf Kinder ist vom Repräsentantenhaus bereits genehmigt worden, der Senat muss noch zustimmen. Diese Herausforderung wird neben der Bildungspolitik sicher die wichtigste der ersten Jahre der Obama-Administration sein.

Station Sloterdijk: Wie sehr haben die Affären um Bill Richardson und Tim Geithner dem Schwung der Change-Kampagne nach dem Wahlsieg geschadet?

Christoph Prantner: Nicht sehr. Die Transition war äußerst gut gemanagt. Sie ist fast reibungslos über die Bühne gegangen. Den Fall Richardson hat die Öffentlichkeit schon vergessen und Tim Geithner wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch vom Senat bestätigt werden. Die Bürger erwarten sich von Obama, dass er endlich zu regieren beginnt. Alles andere ist momentan nicht so wichtig.

Manfred Bieder: Es heißt, Jeb Bush soll bei der nächsten Wahl für die Republikaner ins Rennen gehen. Wie wahrscheinlich halten Sie eine Rückkehr der Bushs ins Weiße Haus?

Christoph Prantner: Schwer zu sagen. Aus jetziger Sicht ist die Bush-Dynastie für lange Zeit diskreditiert. Es hängt viel davon ab wer die Machtkämpfe bei den völlig zersplitterten Republikanern gewinnen kann. Da haben sich einige Kandidaten schon für 2012 oder 2016 in Stellung gebracht, z.B. der junge Gouverneur von Louisiana Bobby Jindal. Nicht vergessen sollte man Sarah Palin. Bush jedenfalls, ist ein Name, der bei den Republikanern nicht mehr automatisch für ein Amt garantiert.

Station Sloterdijk: Glauben Sie dass sich Obama und Hillary Clinton in die Quere kommen werden, was Profilierung in der Außenpolitik betrifft?

Christoph Prantner: Gerhard Schröder und Joschka Fischer haben ihr Verhältnis mit jenem zwischen Koch und Kellner verglichen. Hillary Clinton ist sicher eine sehr starke Persönlichkeit, aber auch in diesem Team ist klar, wer Koch ist und wer Kellner.

dorian .: Der Stil von Obama ist wesentlich unterschiedlich dem der anderen Präsidenten davor. Vor allem im bereich neue Medien hat er alles richtig gemacht und vermittelt den eindruck die leute können teilhaben an seiner Präsidentschaft. Kann dieser neue Sti

Christoph Prantner: Die Partizipation von Wählern in Wahlkämpfen wird auch für Europa ein großes Thema werden. Ob das je so eine Breite und Tiefe erreicht wie in der Obama-Kampagne ist die Frage. Viele der US-Bürger hatten im vergangenen Jahr von Bush dermaßen die Nase voll, dass sie unbedingt an der Abwahl der Republikaner und des Systems Bush teilhaben wollten. Das ist diesem interaktiven Wahlkampf sicher entgegen gekommen.

Andrea D: Glauben Sie, dass seine Präsidentschaft auch auf Europa ideologische Auswirkungen haben wird (z.B. mehr Sensibilität bei Themen wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Geschichtsaufarbeitung usw.)

Christoph Prantner: Ja, die relativ einfach gestrickte Cowboymentalität in der US-Administration ist sicher vorüber. Das Beispiel eines vorsichtigen Umgangs mit Minderheiten und der Geschichte wird ausstrahlen, keine Frage. Schließlich wären auch europäische Politiker gern so beliebt wie Obama. Dafür müssen sie sich aber schon ein wenig seiner Geisteshaltung aneignen.

mute_conspiracy: sg herr prantner. was glauben sie? wie wird sich das verhältnis zw. dem putin/medwedew russland und der obama usa entwickeln.

Christoph Prantner: Der Georgienkrieg im Sommer hat in der Beurteilung Russlands durch die Vereinigten Staaten vieles geändert. In der Brookings Institution einem Thinktank der Demokraten ging man nach dem russischen Angriff davon aus, dass das Konzept der Einbindung Moskaus in den Westen gescheitert sei. Die Brookings Leute sitzen auch im außenpolitischen Beraterstab Obamas und man kann davon ausgehen, dass dieser sich nicht wie Präsident Bush durch einen Blick in Putins Augen täuschen lässt. Die Konfrontation wird vorerst sicher bestehen bleiben. Obama hat sich zuletzt ja auch für eine Weiterführung des Raketenschildprojektes in Tschechien und Polen ausgesprochen. Die Frage ist, was ich an der russischen Position - Stichwort: Energiekrise und schwindenden Staatseinnahmen - in näherer Zukunft ändert.

Mungo Park: Neue Qualität im Antiterrorkampf - was verstehen Sie darunter?

Christoph Prantner: Das bezog sich auf die Ausweitung des Kampfgebietes am Hindukusch und grenzüberschreitende Militäroperationen auf dem Territorium eines Partnerlandes.

Station Sloterdijk: Glauben Sie dass ein schneller Irak-Abzug realistisch ist?

Christoph Prantner: Obama hat einen Zeitplan angekündigt der 16 Monate für den Abzug vorsieht. Einen guten Teil der US-Kampfbrigaden werden die US wohl in diesem Zeitraum abziehen. Das heißt aber noch nicht, dass die amerikanische Präsenz dort gegen Null geht.

Manfred Bieder: Werden durch Obama extreme, rassistische Gruppen in den USA (zB. KKK) wieder mehr Zulauf bekommen?

Christoph Prantner: Es gab eine Meldung die etwa eine Woche nach Obamas Wahl über die Agenturen gelaufen ist, dass der Ku Klux Klan in Atlanta, Georgia, großen Zulauf hat. Für viele unverbesserliche in den Südstaaten ist ein Afroamerikaner als Präsident sicher eine Aufforderung noch radikaler und rassistischer zu werden.

Mungo Park: Auch in Afrika setzt man hohe Erwartungen in Obama, man hofft auf mehr Engagement aus Washington - Womit muss man rechnen?

Christoph Prantner: Schon die Administration Bushs hat Afrika vermehrt in den Fokus genommen. Ein eigene Streitkräftekommando, Africom wurde eingerichtet. Die USA erkennen das Afrika aufgrund der Rohstoffreserven dort von strategischem Interesse ist. Mit China hat sich bereits so was wie ein Wettlauf um die Gunst der afrikanischen Staaten ergeben. Entwicklungspolitisch und humanitär wird Obama wohl noch mehr Aufmerksamkeit auf Afrika legen als es Bush getan hat. Und im Gegensatz zu ihm wird der schwarze Präsident in vielen Regionen Afrikas auch mit offenen Armen empfangen werden.

Station Sloterdijk: Welches wahlversprechen wird obama ihrer ansicht nach als erstes brechen (müssen)?

Christoph Prantner: Er wird das Internierungslager in Guantanamo per Dekret schließen, trotzdem wird sich über viele Monate an der Situation dort nichts ändern, weil die USA nicht wissen wohin sie die dort verbliebenen Gefangenen schicken sollen. Das wird für viele die Guantanamo als Schande für Amerika begreifen, sehr ernüchternd sein. Obama wird auch mit dem ersten Teil in seinem Amt nicht mehr everybodys darling sein können, das ist zwar kein Wahlversprechen, aber angenehm war es doch - für ihn und für seine Wähler.

taeubchen: Wie stark ist die Gefahr, dass man sich als Journalist vom symphatischen Auftreten Obamas "blenden" lässt und die Objektivität darunter leidet?

Christoph Prantner: Obama hatte die beste Presse die ein Politiker weltweit seit langem hatte. Die amerikanischen Medien sind im Wahlkampf verhältnismäßig pfleglich umgegangen. Die europäischen eben so. Aber irgendwann zählen Entscheidungen mehr als das sympathische Auftreten. Mit heute 18 Uhr (MEZ) wird es für Obama und für die Medien ernst.

Manfred Bieder: Haben Sie selbst ein Obama-T-Shirt?

Christoph Prantner: In meinem Büro hängt ein "Yes, we can"-Plakat einträchtig neben einem Sarah Palin-Poster. Aber ich gebe zu, dass ich im vergangenen Jahr mehr Politandenken von den Demokraten als von den Republikanern aus Amerika mitgebracht habe.

ModeratorIn: Leider ist die Stunde auch schon wieder um. Nur mehr vier Stunden bis zu Obamas Antrittsrede. Danach muss er beweisen, was er kann. Herzlichen Dank auf alle Fälle für die Expertise von Chrisoph Prantner und danke an die UserInnen fürs Mitchatten. Ei

Christoph Prantner: Vielen Dank für die vielen interessanten Fragen. Hat mich sehr gefreut mit Ihnen zu chatten.

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