Disteln unter der Zunge

20. Jänner 2009, 16:01
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Karden im Weinviertel, bio noch dazu, und mariniertes Schwein: Die Alte Schule bringt Harald Fidler aufs Piemont

Karden. So nennt der Osteriaführer und übersetzt sie nicht so wirklich ansprechend als Disteln. Wer isst gern Disteln? Wer zum Beispiel in Madonna della Neve bei Cirios einmal den warmen Distelkuchen unter der Vielzahl an Antipasti serviert bekam, natürlich schon. Aber man kann verstehen, dass Frau Carolin Scheck aus Ulrichskirchen ihre Kardy oder Kardonen lieber als Vorläufer der Artischocke erklärt, die ja eh auch zu den distelartigen Gewächsen zählt. Und nach Artischocken schmecken sie ohnehin.

Das Gastrokritik-Besuch-Enttäuschungs-Spiel

Jänner, eigentlich noch später Nachmittag, aber schon nachtfinster, im saukalten, windigen, nebligen, tief verschneiten und vereisten Weinviertel. Sonntag noch dazu, da kann man in den Straßendörfern dieser Ecke schon an heiteren Frühlingstagen depressiv werden vor lauter Menschenleere und Tristesse leicht angejahrter oder mit viel Geschmack neu gebauter (oder knallrosa/gelb/türkis gestrichener) Einfamilienhausreihen. Im Jänner erst recht. Da braucht der Mensch was Warmes in den Magen, möglichst mit ordentlich Brennwert. Ich sowieso.

Mehr als ein Jahrzehnt ist her, dass ich das lustige Gastrokritik-Besuch-Enttäuschungs-Spiel mit Manfred Buchinger gespielt habe. Die eine oder andere Hymne auf den ehemaligen Haubenkoch im Dorfwirtshaus, zudem eine alte Schule, und nichts wie hin. Und dann eh ganz oder ziemlich gut, aber die erlesenen Erwartungen hat er für mich nicht gehalten. Also lieber nicht mehr raus nach Riedenthal, liegt eh auf keinem meiner Wege (ok, Hornbach wär' nicht weit). Auch wenn Eva Rossmann dort gerne Krimis präsentiert und kocht.

Ein Pferd, aber kein Leberkäs

Und dann treibt mich just ein Pferd ins eisige Weinviertel, ein lebendiges, wo ich die Tiere doch bisher alleine auf dem Teller schätzte, und eine Vegetarierin. Nun aber rasch zum Buchinger. Und der überrascht mich glatt mit Reminiszenzen an den jüngsten Piemontausflug, von dem Schmeck's-Leserinnen und -Lesern auch bald wieder Näheres droht.

Reminiszenz 1: Karden eben, lauwarm hier, mit Blattsalaten und einem sehr anständigen Carpaccio, wenn ich mich recht erinnere vom Galloway-Rind. Das Fleisch erinnert zumindest optisch auch ein bisschen an das weltmeisterliche Carne Cruda bei den Cirios, die das Kalb nicht groß mit dem Messerrücken hacken und als butterzarte Fleischlappen servieren (Reminiszenz 2 also). Die Disteln lauchartig (erkennt man im Kuchen nicht so richtig gut), Geschmack klar Richtung Artischocke. Fein.

Molekular? Mariniert!

Reminiszenz 3 stellt sich ein, als "unser 'molekularer' Kümmelbraten" auf den Tisch kommt: Scheibchen vom roh marinierten Schweinsfilet, und danke, ohne extra Rauch und so. Fast wie jene saftigen Scheiben, die mir der nette Herr Prunotto weiland auf der Trüffelmesse in Alba von seinem Stand gereicht hat, in Kräutern der Langhe eingelegt, in Pfeffer, Barolo, Trüffel, oder was halt grad sonst zur Hand war. Chili zum Beispiel, das eher nicht so mein Fall. Butterweiche Schweinerei jedenfalls, sehr super. Inzwischen ersparen wir uns (leider) die Ausflüge ins Industriegebiet nahe Alba, um Herrn Prunottos etwas nüchternes Schweineverarbeitungsreich in einer  Mehrzweckhalle aufzusuchen, und kaufen Lombo bei den Rattis in Albas Fußgängerzone. Muss sagen: Die Schweinescheiben bei Herrn Buchinger konnten da durchaus mithalten. Drunter Blattsalate, drauf ein Klecks Senf/Mayomischung, den ich nicht unbedingt gebraucht hätte, aber schon ok. Ohne Piemont-Erinnerung, aber sehr anständig noch die "Gustostücke" vom Bio-Rind mit Wurzelgemüse, mit Apfelkren natürlich, und erfreulicherweise mit einer ordentlichen Scheibe Zunge.

Und die wunderbare Vegetarierin an meinem Tisch? Buchinger hat "vegetarischen 'Zwiebelrostbraten'" auf der Karte, Seitan nämlich; "Ge-Wok-te" Nudeln mit frischem Gemüse, Ingwer, Chili; eine Kardensuppe wär auch da gewesen. Es wurde dann doch der leichte Salat mit gebratenem Gemüse und Ei. Hat, wie ich höre, sehr gut gemundet, vor allem die (nicht näher analysierten) Pilze.

Eigentlich wollte ich jetzt noch über das Truthahnbrustfilet gebacken meckern, und ein bisschen über den Wok im Landgasthaus, aber muss vielleicht beides hier nachfragebedingt sein. Und ich muss es ja nicht bestellen. Wenn ich, was doch ziemlich sicher ist, wiederkomme. Deutlich rascher als nach dem letzten Mal.

 

  • Der "molekulare" Kümmelbraten
Buchingers Gasthaus »zur alten Schule«Wolkersdorfer Straße 62122 Riedenthal ob Wolkersdorf02245/82500manfred@buchingers.atGeöffnet Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 23 Uhr
Zu zweit wie geschildert mit moderat dosierten und äußerst rückfahrtauglichen Getränken: 57 Euro.
    foto: fid

    Der "molekulare" Kümmelbraten

    Buchingers Gasthaus »zur alten Schule«
    Wolkersdorfer Straße 6
    2122 Riedenthal ob Wolkersdorf
    02245/82500
    manfred@buchingers.at
    Geöffnet Donnerstag bis Sonntag von 11 bis 23 Uhr

    Zu zweit wie geschildert mit moderat dosierten und äußerst rückfahrtauglichen Getränken: 57 Euro.

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