Das Ende der Superhelden

19. Jänner 2009, 19:41
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Viele Amerikaner begrüßen die neue Ära mit Euphorie, aber auch mit geringeren Erwartungen - Von Dennis Lim

Barack Obamas Präsidentschaft wird zu weniger Protest-Dokus und Irakkriegsdramen in Multiplex-Kinos führen. Mit ein wenig Glück könnten weniger aufgeblasene Filme in menschlichem Maßstab entstehen. Die manichäische Mentalität der Bush-Regierung war, abgesehen davon, dass sie Leuten wie Michael Moore reichlich Stoff lieferte, eine Brutstätte für eine nicht abebbende Folge von Comic-Superhelden-Filmen. Die Bush-Jahre haben das Bild der Regierung verschlossen und unnachgiebig gemacht. Der letzte Blockbuster dieser Ära, The Dark Knight, hatte eine fast opernhafte Tonlage. Man hat den Film zugleich als Kritik am Krieg und als Verteidigung des Kriegs gegen den Terror gelesen.

Ein Film hingegen hat den Tonfall der Obama-Kampagne am besten getroffen. Der Pixar-Film Wall-E, die Vision einer postapokalyptischen Welt, deren Zukunft von einem kleinen Roboter abhängt, beschreibt die momentane Gefühlslage präzis: Wir können alles von Grund auf neu aufbauen, unsere Ziele und Prioritäten überdenken, auch (oder besonders) wenn das bedeutet, dass wir sie hinunterschrauben müssen. Viele Amerikaner begrüßen die neue Ära mit Euphorie, aber auch mit geringeren Erwartungen. Der erste Film, der das auf den Punkt bringt, ist die Independent-Produktion Wendy and Lucy von Kelly Reichardt. Er zeigt das Leben in einer Gesellschaft ohne Sicherheitsnetze, dessen Härte nur von Hoffnung und Menschlichkeit gemildert wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009)

 

 

Dennis Lim ist Filmkritiker für die "New York Times" und die "Los Angeles Times".

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