Der Schreiber des brillanten Redners

19. Jänner 2009, 19:25
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Jon Favreau (27) schmiedet die Reden Obamas

Anfang Dezember 2008 geriet der bis dahin hinter den Kulissen agierende Redenschreiber für Barack Obama ins Rampenlicht: Auf "Facebook" erschien ein Foto, auf dem Jon Favreau eine Pappfigur von Hillary Clinton in Armen hält, eine Hand fest auf ihre Brust gedrückt. Der 27-Jährige entschuldigte sich, und aus Hillarys Camp kamen milde, versöhnliche Töne. Tenor: Favreau ist halt sehr jung.

Jon Favreau, der von Obama nun auch als Chef der Redenschreiber ins Weiße Haus geholt wurde, hat eine schwierige Stellung: Er soll Ansprachen für einen Mann konzipieren, der nicht nur ein zweifacher Bestsellerautor, sondern auch bekannt dafür ist, dass er sich seine Reden selbst schreibt.

"Barack vertraut ihm" , sagt Obamas Stratege David Axelrod, "Das tut er nicht mit vielen - dass er nämlich jemandem so viel Autorität über seine eigenen Worte überträgt."

Favreau lernte Obama kurz nach dem Abschluss am Holy Cross College in Worcester, Massachusetts, kennen; er war 23 und hatte als Mitarbeiter von John Kerry die legendäre Rede des Senatskandidaten Barack Obama beim Parteitag in Boston gehört. Als Kerry die Wahl verlor, hatte Favreau keinen Job, bis er Obama von dessen Pressechef Robert Gibbs empfohlen wurde und in dessen Dienst trat. Obama und Favreau entwickelten sehr bald ihre eigene Art der Zusammenarbeit: "Ich sitze eine halbe Stunde mit ihm beisammen" , erzählt Jon Favreau, "er spricht, und ich tippe alles, was er sagt. Dann formuliere ich es neu. Auch er schreibt und formuliert es wieder neu. So gelangen wir zu einem Endprodukt."

Mittlerweile hat Favreau sein eigenes Team, den gleichaltrigen Adam Frankel, der dem berühmten John-F.-Kennedy-Redenschreiber Ted Sorensen bei seinen Memoiren half, und den 30-jährigen Ben Rhodes.

An der Inaugurationsrede, die von aller Welt mit Hochspannung erwartet wird, arbeiteten David Axelrod, Jon Favreau und Obama selbst bereits seit Mitte November. Favreau verbrachte seine Weihnachtsferien mit der bereits jetzt als historisch bezeichneten Ansprache.

Freizeit? Wenn er schreibt, und das tut er derzeit oft, bleibt er oft bis drei Uhr früh auf und sitzt um fünf schon wieder am Computer. Kaffee hilft ihm dabei über die Hürden. Wenn er allerdings erst im Weißen Haus angelangt ist, wird er vermutlich nicht mehr, wie bis jetzt, einfach über die Straße in einen "coffee shop" gehen können und dort unerkannt die Reden des mächtigsten Mannes Amerikas und der westlichen Welt schreiben. (Susi Schneider, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009)

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