Das Weiße Haus setzt auf grünen Strom

19. Jänner 2009, 18:22
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Obama will Wende in der Energiepolitik - Aussicht auf mehr Geld für Forschung

Washington - Seit der Physiker und Klimaschutzexperte John Holdren als Wissenschaftsberater an der Seite Barack Obamas feststeht, scheint für Beobachter außer Zweifel zu sein: Die USA stehen vor einer Wende in der Energiepolitik. Eine Woche davor hatte sich Obama für "Windfarmen, Solaranlagen und treibstoffsparende Autos" ausgesprochen und den Physiknobelpreisträger Steven Chu als seine Wahl zum Energieminister bekannt gegeben.

Knappe Mittel

Chu leitete in Kalifornien das Lawrence Berkeley National Laboratory (LBNL), eines der wichtigsten Energieforschungsinstitute des Landes. Er gilt als Verfechter alternativer Energiegewinnung. Bald schon, so heißt es, könnten die USA ein Emissionshandelssystem implementierten, das dem europäischen zumindest in Grundzügen gleicht.

Es scheint festzustehen, dass Forschung im Energiebereich wichtiger werden soll. Mit einem Budget von 24 Milliarden Dollar (18,2 Mrd. Euro) hat Chu ein Ministerium, das 17 Forschungseinrichtungen von Atomwaffen bis Teilchenphysik betreibt.

Für Energie blieb dabei zuletzt wenig übrig: 2008 waren es 1,4 Mrd. Dollar. Die Inflation eingerechnet, ergibt das ein knappes Viertel des Budgets von vor 30 Jahren, rechnet das Wissenschaftsmagazin Nature vor. Ein Blick auf die Zahlen der American Association for the Advancement of Science (AAAS) bestätigen den bescheidenen Anteil der Energieforschung am Förderkuchen. Einzig Ende der 1970er-Jahre waren Energie, Raumfahrt und Medizin in etwa gleichauf.

Zwischen Wille und Weg stehen derzeit Rezession und Budgetdefizit. Ob der Bedarf an erneuerbaren Energielösungen mehr Geld für die Forschung bedeutet, ist also fraglich. "Die meisten sagen, wenn es (eine Erhöhung; Anm.) nicht im Stimuluspaket ist, dann wird es 2009 nicht mehr passieren", sagt Norman Neureiter, Direktor des AAAS Center for Science, Technology and Security Policy. Fraglich sei, wie viel Forschung sich in ein Paket, das die Wirtschaft ankurbeln soll, hineinargumentieren ließe.

Chu hat in seinem Forschungsinstitut, das zum Energieministerium gehört, derzeit 4000 Mitarbeiter und ein Budget von 600 Mio. Dollar. Mit seiner Hilfe eingeworbene Projekte haben teils beachtliche Ausmaße, darunter einen Etat über eine halbe Milliarde Dollar, der maßgeblich von British Petroleum (BP) kommt und das Energy Biosciences Institute finanziert. Forschungsinhalt ist die Entwicklung von Biotreibstoffen. Während Mais als Grundlage für Biobenzin als begrenzt umweltverträglich gilt, ist man bei Zellulose nicht weit genug. "Zellulose ist noch nicht reif fürs Hauptabendprogramm", sagt Neureiter.

Kohle bearbeiten

Die Ausrichtung des Lawrence Berkeley National Laboratory auf Energiegewinnung mit geringem CO2-Ausstoß trägt Chus Handschrift. Neben "grünen" Technologien wie Wind- und Sonnenenergie arbeiten Forscher daran, Kohle umweltverträglicher zu machen. Der Atomkraft-Befürworter Chu gilt bei manchen Umweltschützern als Pragmatiker. Daher ist er politisch eine geschickte Wahl.

Die Budgetentwicklungen im Bereich der Atomenergie verfolgt der Österreicher Achim Seifter, Forscher am Los Alamos National Laboratory (LANL), mit Interesse. Eines seiner Forschungsthemen ist Kernfusion. "Diese benötigt zwar noch 20 Jahre bis zum Einsatz in der Energiegewinnung, dann ist sie, im Gegensatz zur Kernspaltung, allerdings sauber." Sollte die neue Regierung, durch die Wirtschaftskrise unter Druck, auf kurzfristige Ergebnisse abzielen, könnte das Thema einen herben Rückschlag erleiden, fürchtet Seifter.

Treibende Wirtschaftskraft

Das Forschungszentrum in Los Alamos, einst einer der Standorte des Manhattan-Projekts zur Entwicklung der Atombombe, erstreckt sich über 100 Quadratkilometer und ist eine treibende Kraft für die Wirtschaft des Bundesstaates. Sollte zu viel Geld nach Kalifornien gehen, könnten die anderen Laboratorien des Energieministeriums das Nachsehen haben, argumentiert Seifter. Die derzeitige Finanzierungssituation sei verbesserungswürdig. "Mit den Budgets geht es bergab, die Bürokratie wird aufwändiger", fasst der Physiker zusammen.

Obama ist nicht erste Präsident, der versucht, die Energiepolitik des Landes zu ändern. Etwa Jimmy Carter und George Bush sen. hätten es vor ihm versucht, sagt Neureiter: "Doch wenn der Ölpreis sinkt, kaufen die Leute wieder große Autos und vergessen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20.1.1.2009)

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