Die Europäisierung der USA

19. Jänner 2009, 17:59
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Der Turbo-Kapitalismus konservativ-amerikanischer Prägung hat als Vorbild ausgedient

Die USA sind ein sehr anderes Land, eine sehr andere Gesellschaft - trotz sehr vieler gemeinsamer Grundwerte mit Europa (Demokratie, Menschenrechte, Marktwirtschaft). Allein die Tatsache, dass für 60 Prozent der Amerikaner die Religion "sehr wichtig" ist, dass Politiker ohne religiöse Grundierung schlicht und einfach keine Chance haben, ist in Europa einfach nicht denkbar.

Die vergangenen Jahrzehnte waren überdies von der Tendenz geprägt, amerikanische Modelle auf Europa zu übertragen. In der (Pop-)Kultur sowieso schon längst. Aber das amerikanische Modell schien vor allem in der Wirtschaftspolitik auch in Europa einen Siegeszug anzutreten. Das galt nicht nur für die "neuen Reformstaaten" Osteuropas, die nach dem (zum Teil mithilfe der USA erreichten) Sturz des Kommunismus das US-Modell von scharfem Wettbewerb, hohem Privatisierungsgrad, niedrigen Steuern und schwachem Sozialstaat übernahmen, als "Schocktherapie".

Auch in Westeuropa setzten sich amerikanische Maßstäbe durch: Privatisierung, Zurückdrängung des Staates, Shareholdervalue statt Rücksicht auf Arbeitnehmer und Korrekturen am Sozialsystem.

Das ist jetzt vorbei. Die Finanzkrise, herbeigeführt durch die Deregulierung der Bush-Jahre und die größere Wirtschaftskrise, begünstigt durch den Verlust an Innovationskraft der amerikanischen Industrie, hat dem ein Ende gemacht. Der Turbo-Kapitalismus konservativ-amerikanischer Prägung hat als Vorbild ausgedient.

Was jetzt, nach dem Amtsantritt Obamas kommen könnte, wäre eine Europäisierung der USA, zumindest in der Wirtschaftspolitik, zumindest ansatzweise. Schon seit einiger Zeit machen sich amerikanische Meinungsführer Gedanken, ob das europäische Modell nicht bestimmte Vorteile gegenüber dem amerikanischen habe. Ob der durchschnittliche Arbeitnehmer in den USA bis weit hinauf in den oberen Mittelstand nicht im Grunde schlechter lebt als sein (west)europäischer Kollege. Ob ein System, in dem 47 Millionen nicht krankenversichert sind und weit mehr als 100 Millionen in ihrer Altersversorgung fast völlig abhängig von Wertpapieren, nicht viel fragiler ist als das europäische. Ob die vielgerühmte Dynamik, die sich aus der größeren Betonung von Wettbewerb, Risikobereitschaft, und Deregulierung im US-System ergab, nicht längst erodiert ist - siehe die Veralterung so vieler amerikanischer Industrien.

Die Debatte, die derzeit noch schaumgebremst läuft, lässt sich auf die Frage reduzieren: was ist besser - Turbokapitalismus oder soziale Marktwirtschaft?
Die Staatsphobie der Bush-Leute hat sich ohnehin schon fast erledigt: vorläufig werden nur die schlechten Kredite und Wertpapiere der Banken verstaatlicht; es erheben sich aber schon Stimmen, wonach die Banken selbst verstaatlicht werden sollen, damit der Steuerzahler (durch eine spätere Reprivatisierung) auch etwas davon hat.

Im Obama-Lager wird gleichzeitig eine gewaltige Umstellung des Versicherungssystems diskutiert: der Austausch der (überwiegend) privaten (Kranken-)Versicherung durch eine gesetzliche Versicherung auf Umlagebasis nach dem europäischen Modell.

Harte Kost für die US-Grundphilosophie, auch und gerade so vieler kleiner Leute. Es wird auch enormen Widerstand im Kongress geben. Aber dass eine gewisse Übernahme des "europäischen Lebensmodell diskutiert wird, ist ein Zeichen. (Hans Rauscher/DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009)

 

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