"Obama ist eine moralische Leitfigur"

19. Jänner 2009, 17:49
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Dirigent Franz Welser-Möst, Chef des Cleveland Orchestra und designierter Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper, setzt in Barack Obama große Hoffnungen - Interview

Standard: Dass sich Barack Obama in seinen Wahlreden auch zur Kultur geäußert hat, ist ungewöhnlich - nicht nur für die USA. In Österreich wurde im letzten Wahlkampf zur Kultur ausgiebig geschwiegen.

Welser-Möst: Das finde ich ja wirklich beschämend. Das kommt mir so vor, als merke man in Österreich gar nicht, auf welchem Baum man sitzt und welchen Ast man absägt. Obama hingegen hat mehrmals über Kultur und Bildung gesprochen, und das gibt mir Hoffnung. Ich kann mich nicht erinnern, dass dazu je ein anderer US-Präsidentschaftskandidat etwas gesagt hätte.

Standard: Wird sich unter Obama bezüglich der Kultur etwas ändern?

Welser-Möst: Ja und nein. Nein, wenn Sie sich beispielsweise das Cleveland Orchestra anschauen: Weniger als ein Prozent des Jahresbudgets kommt aus öffentlicher Hand. Allein daraus erklärt sich, dass die Politik in diesem Bereich wenig Einfluss hat. Andererseits ja, wenn Obama, wie er angekündigt hat, in der Bildung gewisse Dinge verändern wird. Das hat dann ziemlich unmittelbare Auswirkungen auf die Kultur.

Was die Kunst anlangt, ist in den letzten zehn, zwanzig Jahren in den Schulprogrammen derart viel gestrichen worden, dass ein wichtiger Nährboden für die Kunst verlorengegangen ist. Da besteht schon eine gewisse Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Außerdem leiden wir natürlich unter der Krise. Unsere Sponsoren sagen: "Ja, wir geben gern Geld, aber vielleicht wieder in einem Jahr."

Standard: Apropos Krise: Obama übernimmt das Präsidentenamt ja in einer wirtschaftlich und politisch äußerst angespannten Zeit.

Welser-Möst: Es ist in der Tat eine furchtbare Zeit, nicht umsonst wird oft der Vergleich mit Roosevelt und der großen Wirtschaftskrise in den 1930ern strapaziert. Die Herausforderungen scheinen ähnlich zu sein. Kürzlich wurden z.B. die Arbeitslosenzahlen bekanntgegeben: Im letzten Jahr haben mehr Menschen ihren Arbeitsplatz verloren als vorher in 70 Jahren! Das ist schon ein Wahnsinn: 2,6 Millionen Arbeitslose! Aber ich bin insgesamt optimistisch - weil Obama eine moralische Leitfigur ist.

Standard: Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Welser-Möst: Obama benennt als einer der wenigen diese Wirtschaftskrise zunächst einmal als das, was sie ist: eine moralische Krise - weil die Gier unendlich geworden ist. Die Kreditvergabe beispielsweise war ja hierzulande ein reines Roulette. Obama weiß, dass die Bewältigung der Krise nur mit einer moralischen Gesundung gelingt. Deshalb sagt er ja auch, dass die Finanzmärkte wieder stärkere Regeln brauchen.

Der neue Präsident ist persönlich integer, er hat wieder eine gewisse Vorbildfunktion, die Bush einfach nicht hatte. Barack Obama ist eine Lichtgestalt. Bei der Wahl im November ist ein richtiges Aufatmen durch das Land gegangen. Es herrscht eine wesentlich positivere Stimmung. Sie wird noch einige Zeit anhalten, wie lange, hängt davon ab, wie sich die Wirtschaftsdaten entwickeln.

Standard: Sie sagen, Obama sei eine Lichtgestalt. Was genau macht denn sein Charisma aus?

Welser-Möst: Das "So-anders-Sein" . Da kann man bei der Hautfarbe anfangen. Selbst eingefleischte Republikaner wie Dick Cheney erkennen das Historische daran, dass ein Afroamerikaner Präsident wird. Viele Führungsfiguren haben ein riesiges Ego und benutzen Institutionen, um das zu befriedigen. Bei ihm ist das anders, sicherlich auch wegen seines Backgrounds als Sozialarbeiter: Er weiß, wovon er spricht. Ein großer Egoist würde nie so viele starke Leute um sich scharen, wie er es mit seinem Regierungsteam macht - über Parteigrenzen hinweg. Und es gibt so interessante kleine Gesten: Wenn der Präsident zu einer Pressekonferenz kommt, stehen die Journalisten auf. Das haben sie bei Obama kürzlich auch schon gemacht. Er wollte das nicht, mit einer kleinen Handbewegung hat er allen bedeutet, sitzen zu bleiben.

Standard: Was politische Kommentatoren auch immer wieder betonen, ist seine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit.

Welser-Möst: Ich glaube, das ist auch der tiefere psychologische Grund, warum er gewählt wurde. Die Menschen wollten in diesen Krisenzeiten jemanden haben, der mit Ruhe vorgeht, damit wieder Vertrauen entstehen kann. Durch den Kollaps ist ja ein riesiges Misstrauen entstanden. Keiner gönnt dem anderen mehr etwas. Das braucht eine andere Psychologie. Und die verkörpert er.

Standard: Barack Obama gilt als kunstsinnig. Leicht möglich, dass er einmal zu einem Ihrer Konzerte kommt?

Welser-Möst: Das würde ich mir wirklich wünschen! Normalerweise interessiert mich das nicht so sehr, ich muss nicht jedem Premierminister und Präsidenten die Hand schütteln. Aber Barack Obama: Den würde ich tatsächlich wahnsinnig gern treffen.

(Andrea Schurian, DER STANDARD/Printausgabe, 20.01.2008)

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    Zur Person:
    Franz Welser-Möst, geb. 1960 in Linz. 1990-1996: Leitung des London Philharmonic Orchestra. Er war Generalmusikdirektor an der Oper in Zürich, seit 2002 ist er Chefdirigent des Cleveland Orchestra. 2010 wird er Generalmusikdirektor der Staatsoper.

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