"Hauptsache, das Spielfeld ist für alle gleich flach"

19. Jänner 2009, 17:15
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Kein Hass, kein Wunsch nach Almosen: Ein Besuch auf der Reisplantage, wo Michelle Obamas Ahnen einst als Sklaven arbeiteten

Das Holz ist weiß gestrichen, der sengenden Sonne wegen. Alles ist aus Holz an dem Haus. Es steht leicht erhöht, auf vier Pfeilern aus gemauerten Ziegelsteinen, damit keine Schlangen hineinkriechen und sich bei heftigem Regen kein Schwall über die Türschwelle ergießt. Es gibt keine Heizung, keine Wasserrohre. Der Schuppen, mehr ist es ja nicht, ist nicht größer als ein normal bemessenes Zimmer. Dennoch sollen sich mindestens zwei Familien den knappen Platz geteilt haben. Fünf solcher Hütten stehen noch auf der Friendfield-Plantage. Fünf, wo es einmal knapp fünfzig waren.

Friendfield, Freundesfeld. Der Name führt in die Irre. Wer hier auf den Reisfeldern schuftete, in glühender Sommerhitze, malträtiert von Moskitos, hatte es sich nicht ausgesucht. Es waren aus Afrika verschleppte Sklaven, die aus dem flachen Küstenland am Sampit River die Reisschüssel der westlichen Welt machten. Georgetown, der Hafen, von dem das begehrte "Carolina Gold" gen Osten verschifft wurde, das meiste nach England, lässt noch heute etwas vom früheren Glanz ahnen. Patrizierhäuser mit üppigem Stuck, in der Mitte ein Uhrturm, der an Londons Big Ben erinnert. Einer von denen, die den Reichtum schufen, war Jim Robinson, der Ururgroßvater Michelle Obamas.

Wie ein Märchen

Das ist es, was die vergessene Friendfield-Plantage auf einmal ins Bewusstsein der Nation rückt. Der Urahn ein Sklave, und die Enkelin die neue First Lady. "Ich hab' nicht gedacht, dass ich das noch erleben würde. Nein, nicht im Traum hab' ich daran geglaubt." Für Margretta Knox, eine Rentnerin Anfang 70, wirkt es immer noch so, als sei das alles nur ein Märchen.
Nie gedacht, nicht geglaubt - so hört man es oft von Afroamerikanern, aber hier unten an der Atlantikküste South Carolinas bekommt es sehr persönliche Konturen. Die Robinsons: eine Familiensaga mit einer Symbolkraft, dass sie ins Geschichtsbuch gehört. 1865, am Ende des Bürgerkriegs, den die Südstaaten mit ihrer Sklaverei verloren, kam Jim Robinson frei. 15, vielleicht auch 16 Jahre alt soll er damals gewesen sein, genau weiß man es nicht. Wann er starb, liegt ebenfalls im Dunkeln. Einen Grabstein sucht man vergebens.

Fraser, einer von Jims Söhnen, wuchs als Diener im Haushalt eines weißen Vorarbeiters auf. Eine Schule besuchte er nicht, Lesen und Schreiben brachte er sich selber bei. In Georgetown ist er eine Legende, weil ihm nach einer Infektion der linke Arm amputiert werden musste. Er reparierte Schuhe und verkaufte Zeitungen, und als er im 1. Weltkrieg zum Militär wollte, nahmen sie ihn nicht, den Mann, den alle den "einarmigen Fraser" nannten.

Sein Sohn, Fraser Robinson Junior, suchte sein Glück in Chicago, in der Boomtown der Schlachthöfe und Wolkenkratzer, die eher Arbeit versprach als der schläfrige Süden. Dort heiratete er LaVaughn Johnson, eine Zugewanderte aus dem Mississippi-Delta. 1935 wurde Fraser Robinson III geboren, Michelle Obamas Vater. Er war ein stolzer Mensch, der trotz Multipler Sklerose weitermalochte bei den Klärwerken der Stadt. Seine beiden Kinder Craig und Michelle, schwor er sich, sollten gute Universitäten besuchen. Die Tochter studierte in Princeton Soziologie und an der Harvard Law School Jura, der Rest ist Geschichte.

Eine schlaue Frau

Ja, stolz könne man sein auf so eine Familiengeschichte, sagt Joseph Jones, der Pfarrer der größten schwarzen Kirche Georgetowns, der Bethel African Methodist Episcopal Church. Und als Michelle vor seiner Gemeinde auftrat, 45 Minuten redete, ohne Notizen, da habe er sich gedacht: "Wenn dieser Barack eine so schlaue Frau hat, dann muss er wohl auch ziemlich schlau sein." Aber im Ernst: "Gleiche Chancen, keine Almosen, der Beste setzt sich durch" - das sei es, was er mit dem Sieg Barack Obamas verbinde. In ihm und dessen Ehefrau erkennt sich der Reverend irgendwie wieder. Gleiches Alter, der gleiche Ehrgeiz. Jones hat drei Uni-Abschlüsse in der Tasche, in Verwaltungslehre, Informatik und Theologie.

Aus New York und Washington, wo er bei großen Konzernen angestellt war, trieb ihn das Heimweh zurück nach South Carolina. Eine Zeitlang gab es eine Bewegung, die forderte, den Enkeln der Sklaven eine Entschädigung zu zahlen für das Leid, das man ihren Vorfahren zugefügt hatte. Auch in Georgetown. Jones will nichts davon wissen, er klingt wie ein patriotischer Lehrer, der seinen Schülern erklärt, worin das Wesen der Vereinigten Staaten besteht: "Opportunity!" "Hauptsache, das Spielfeld ist für alle gleich flach. Wir wollen keine Almosen."

Es liegt ein Hauch neuer Leichtigkeit über Jones' Kirche, beschwingt predigt der Pastor Erneuerung. Die Wirtschaftskrise komme und gehe, "macht jetzt bloß kein Gesicht, als ob ihr an einer Zitrone lutscht" . Draußen sieht es anders aus. De facto ist Georgetown eine geteilte Stadt, äußerlich hat sich wenig geändert, das Weiße Haus ist weit weg. Wo armselige Baracken die eleganten Villen, die prächtigen Baumalleen mit dem Spanischen Moos ablösen, dort wohnen die Afroamerikaner.

Im Schatten eines qualmenden Stahlwerks, gleich an den Eisenbahngleisen.
Margretta Knox hat es nie anders gekannt. Ihr ganzes Leben war geprägt von der Rassentrennung, auch, als sie offiziell längst abgeschafft war. Bis zu ihrer Pensionierung in den 1990er-Jahren unterrichtete sie an einer Schule, an der fast ausschließlich farbige Kinder lernten. "Nein, in Georgetown spürt man wenig vom Wandel" , sagt Knox. "Aber in Amerika" , fügt sie hinzu, die Augen noch immer voller Skepsis, "in Amerika schon. Alles ist möglich, ist es nicht so?" (Frank Herrmann aus Georgetown, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009)

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