"Obama fehlt ein Masterplan"

19. Jänner 2009, 17:01
153 Postings

Jeremy Rifkin erklärt, was der neue US-Präsident gegen Weltkrisen unternehmen sollte

STANDARD: Manche erwarten von Barack Obama einen grundlegenden wirtschaftspolitischen Kurswechsel, andere nur eine Rückkehr zum vorsichtigen Pragmatismus der 90er-Jahre. Was wird es werden?

Rifkin: Das ist die große Frage. Obama hat im Wahlkampf zwar den Wechsel versprochen, aber in seinem Team sind vor allem Zentristen aus der Clinton-Regierung. Viele von ihnen sind Insider aus der Finanzindustrie und haben die Krise nicht vorhergesagt. Ich habe seit acht Jahren die finanzielle Kernschmelze prognostiziert. Wenn ich das kommen gesehen habe, warum dann Obamas Leute nicht? Das macht mir Angst.

STANDARD: Aber vielleicht haben Sie jetzt die richtigen Antworten.

Rifkin: Das Geld, das jetzt ausgegeben werden soll, ist wie ein Wundverband. Das wird nicht funktionieren. Diese Krise hat sich über 20 Jahre aufgebaut, sie ist nicht in wenigen Jahren zu lösen. In den Neunzigerjahren gab es den Mythos, dass die USAdank ihres Unternehmertums zum Motor der Weltwirtschaft geworden ist. Dabei wurde bloß mit billigen Krediten eine Verschuldungswirtschaft aufgebaut. Die gesamte private Verschuldung der Amerikaner beträgt 12,5 Billionen Dollar. Man kann nicht genug Geld in die Wirtschaft hineinstecken, um diesen Schuldenberg abzubauen. Wir sind pleite.

STANDARD: Was ist die Alternative zu Obamas Programm?

Rifkin: Wir haben es mit drei großen Krisen zu tun: Erstens das Ende der zweiten industriellen Revolution und die Krise jener Globalisierung, die darauf aufbaut; zweitens das Ende des fossilen Zeitalters und die Energiekrise; und drittens der Klimawandel, der die menschliche Zivilisation auslöschen könnte. Obama versteht alle drei, aber er kann die Punkte nicht miteinander verbinden. Es fehlt ihm ein Masterplan, eine politische Vision. Wir brauchen ein völlig neues Narrativ für eine neue Zivilisation, die uns von der zweiten industriellen Revolution und der festgefahrenen Globalisierung in eine neue Energie-Ära ohne Emissionen führt.

STANDARD: Ist nicht gerade in der Klimapolitik die Chance für einen echten Wandel groß, auch dank des Energieministers Steven Chu?

Rifkin: Wir haben alle das Tempo des Klimawandels unterschätzt. Chu versteht wohl das Ausmaß des Problems, aber versteht es Obama? Ich bezweifle es. Er ist zumindest nicht so weit wie Merkel, Zapatero oder Barroso in Europa. Ich sehe zwar einige gute Leute in der Obama-Regierung, aber nicht die, die ein Narrativ für eine neue Welt schaffen können. Wir haben erstmals Licht, aber es ist noch kein heller Sonnenschein.

STANDARD: Für eine energiepolitische Wende in den USA müssten die niedrigen Treibstoffsteuern steigen. Kann Obama das durchbringen?

Rifkin: Wir brauchen eine echte CO2-Steuer, aber Obama wird sich eher für einen Emissionshandel entscheiden. Das ist nur ein erster Schritt und schafft vor allem Bewusstsein. Eine CO2-Steuer in Washington zu verkaufen wird ihm schwer fallen. Und eine CO2-Steuer allein wird wenig bewirken, wenn nicht gleichzeitig eine völlig neue Energie-Infrastruktur geschaffen wird.

STANDARD: Was meinen Sie damit?

Rifkin: Obama denkt in getrennten Kategorien: Geld für die Infrastruktur, Sonnenenergie, Windräder, saubere Brennstoffe. Aber diese Energie muss auch gesammelt werden. Der Schlüssel sind die Gebäude, sie sind die Hauptverursacher des Klimawandels, aber sie sind auch die Lösung, denn sie können zu Kraftwerken umgewandelt werden, die Energie von überall sammeln und mehr Energie abgeben, als sie verbrauchen. Die neue GM-Fabrik in Spanien kann dies bereits. Mit Wasserstoff wird diese Energie gespeichert und über neue Netzwerke dezentral verteilt - sowie Information über das Internet. Das ist die nächste Infrastruktur-Revolution, die kommen muss.

STANDARD: Wären Obamas Erfolgschancen höher, wenn er statt erfahrenen Pragmatikern Revolutionäre in sein Kabinett genommen hätte?

Rifkin: Am besten hat man beides, Pragmatiker und prophetische Stimmen, die das Denken verändern. Dieses Gleichgewicht ist bei ihm nicht da. Und er könnte sein politisches Kapital in sechs Monaten verspielen. Viele Amerikaner glauben, dass die Krise in einigen Monaten vorbei sein wird.

STANDARD: Aber Obama sagt genau das Gegenteil.

Rifkin: Ja, aber er braucht nun eine echte Spielstrategie. Roosevelt hatte nie eine. Im New Deal wurden bloß bestehende Projekte umgesetzt. Damit wurden die USA nicht aus der Depression geführt. Das geschah erst durch den Zweiten Weltkrieg. Und erst danach wurde die Infrastruktur für die zweite industrielle Revolution geschaffen.

STANDARD: Krieg statt New Deal als Modell für Obama?

Rifkin: Kein echter Krieg, aber wir sollten uns wie im Krieg gegen den globalen Kollaps fühlen.

STANDARD: Denkt Obama eigentlich europäisch?

Rifkin: Intellektuell ja, emotionell fällt es ihm schwer. Er ist im amerikanischen Traum aufgewachsen, aber er versteht auch den europäischen Traum von Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft. Er weiß, dass der Markt sozialen Ausgleich benötigt.

STANDARD: Sie setzen auf einen tieferen Dialog zwischen den USA und der EU. Kann Europa in diesem Prozess etwas von Amerika lernen?

Rifkin: Ja es, ist erstaunlich, dass gerade die USA den ersten multikulturellen Präsidenten gewählt haben. Europa kann von Amerika lernen, wie man Geschichten aus der ganzen Welt zusammenführt und daraus etwas Neues macht. Das macht Amerika so faszinierend. (Eric Frey, DER STANDARD, Printausgabe, 20.1.2009)

Zur Person

Der US-Ökonom und Publizist Jeremy Rifkin (65) leitet die Foundation on Economic Trends (FOET) in Washington. Er berät mehrere Regierungen und die EU-Kommission. Er schrieb u. a. "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft", "Der Europäische Traum" und "The Hydrogen Economy". www.foet.org

 

Weiterlesen im Ressort Politik International

Siehe auch Kommentar: Roosevelt, Reagan, Obama

  • Jeremy Rifkin über Barack Obama: "Er ist im amerikanischen Traum
aufgewachsen, aber er versteht auch den europäischen Traum von
Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft."
    foto: standard/andy urban

    Jeremy Rifkin über Barack Obama: "Er ist im amerikanischen Traum aufgewachsen, aber er versteht auch den europäischen Traum von Lebensqualität, Nachhaltigkeit und Gemeinschaft."

Share if you care.